Vom Hinfallen und Aufstehen

Was ist das eigentlich, eine Chance? Wer bekommt sie wann und warum? Und was haben andere damit zu tun? Der renommierte Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther über Potenziale und Risiken, Start-ups und Kirschkerne.


Professor Gerald Hüther spricht gerne über Kirschkern-Weitspucken. Und über Blasrohre. „Wenn jemand hier bei uns gut ist im Kirschkern-Weitspucken – was ist dann? Nichts. Keiner würde auf die Idee kommen zu sagen: Das ist aber ein besonders hoch begabtes Kind“, sagt er. „Im Amazonas-Regenwald kann das ganz anders sein: Wenn ein Kind dort Kirschkerne besonders weit spucken kann, gilt es vielleicht als hoch talentiert. Denn dann ist es auch gut im Blasrohrschießen – und das ist dort lebenswichtig zur Verteidigung und Nahrungsbeschaffung.“ Solche Beispiele bringt der Hirnforscher gerne, um damit klarzumachen: Die Definition von Begabung und Talent ist relativ, immer abhängig von Ort, Zeit und Gesellschaft. Und dann kommt er zum Chancen-Begriff. Man sollte, so sagt er, jedem Menschen die Chance geben, alle in ihm angelegten Talente und Interessen in der Lebenspraxis auszuprobieren. „Man würde einem Kind die

Chance verderben, wenn man nicht alle Talente gleich bedeutsam finden würde. Man würde die Chance verderben, wenn man nur bestimmte Talente, zum Beispiel schulische, sportliche oder künstlerische, wichtig fände.“

Man würde die Chance verderben, wenn man nur bestimmte Talente, zum Beispiel schulische, sportliche oder künstlerische, wichtig fände. 

Prof. Dr. Gerald Hüther
Hirnforscher

Für ihn bedeutet „Chance“ dabei nicht dasselbe wie „Möglichkeit“. „Ich würde die Begriffe sehr sauber auseinanderhalten. Eine Möglichkeit ist lediglich ein Potenzial, das sich entfalten und zu einer Fähigkeit werden kann, aber nicht muss – Klavierspielen, auf Bäume klettern, Blasrohrschießen. Ob es sich entfaltet, das hängt von den Chancen ab: davon, ob ich die Gelegenheit bekomme, es auszuprobieren.“ Dabei spielt die Außenwelt eine wichtige Rolle: „Wir erleben die größten Chancen immer in einem sozialen Kontext. Es sind meistens andere, die uns eine Chance geben oder auch verbauen. Wenn ein Kind auf einen Baum klettern möchte, die Mutter aber Angst hat und es verbietet, dann ist die Chance vertan, dass es sein Talent entfaltet. Nicht durch das Kind, sondern durch eine andere Person, die Angst hat. Wenn das Kind dagegen jemandem begegnet, der selbst klettert und es ermuntert, dann ist das eine echte Chance, mutig zu werden und etwas zu schaffen.“

Prof. Dr. Gerald Hüther, 65

Gehört zu den bekanntesten deutschen Neurobiologen. Wichtige Themen seiner Forschung sind der Einfluss früher Erfahrungen auf die Hirnentwicklung sowie die Entfaltung von Talenten und Begabungen.

Studiert und geforscht hat Hüther in Leipzig, Jena und am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin in Göttingen. Von 1994 bis 2006 leitete er die Forschungsabteilung an der psychiatrischen Klinik in Göttingen, von 2004 bis 2016 war er Professor für Neurobiologie an der Universität Göttingen. 2015 hat Hüther die „Akademie für Potentialentfaltung“ in Göttingen gegründet und deren Vorstand übernommen. Der Öffentlichkeit bekannt wurde er durch zahlreiche Sachbücher, etwa „Jedes Kind ist hoch begabt“, „Etwas mehr Hirn, bitte“ und „Mit Freude lernen – ein Leben lang“. Hüther ist verheiratet, er hat drei Kinder und drei Enkelkinder.

> www.gerald-huether.de

> www.akademiefuerpotentialentfaltung.org

Wobei eine Chance immer mit dem Risiko des Scheiterns verbunden ist – beides gehört für Gerald Hüther zusammen wie zwei Seiten derselben Medaille. „Eine Chance wird nicht aus einer Routine, aus einem Alltagstrott geboren. Es braucht schon etwas Besonderes, das ich als Chance nutzen kann, und darin steckt

nun mal das Risiko, dass es nicht oder nicht sofort klappt. Ich habe zugleich die Chance, mein Kletter-Talent zu entwickeln, und das Risiko, herunterzufallen. Die Chance, mich selbstständig zu machen, und das Risiko, meinen alten Job aufzugeben.“ Ein Scheitern allerdings ist für ihn alles andere als schlimm, sondern

wiederum eine Chance, Aufstehen zu lernen – je öfter, desto besser. „Das Problem ist: Wenn man einem Kind alle Steine aus dem Weg räumt, dann lernt es nicht, mit Schwierigkeiten umzugehen und wieder neu anzufangen.“ Wer dagegen selbst etwas schafft, schöpft daraus Selbstvertrauen – das im Übrigen auch

jeder Existenzgründer benötigt: „Damit Sie sich zutrauen, ein Unternehmen zu gründen, müssen Sie die Erfahrung gemacht haben, dass Ihnen schon etwas gelungen ist. In den USA sagt man, es macht nichts, wenn jemand schon einmal bei der Unternehmensgründung gescheitert ist, der weiß dann wenigstens,

wie es geht. Bei uns ist das weniger verbreitet. Aber man stellt fest, dass Start-up-Gründer oft Leute sind, denen schon oft etwas gelungen ist – und sei es, auf Bäume zu klettern.“

Das ganze Leben ist eine Entdeckungsreise, eine einzige große Chance. 

Prof. Dr. Gerald Hüther

 

Die gute Nachricht: Für solche Erfahrungen ist es nie zu spät, Menschen können ihr Leben lang ihre Potenziale entfalten. „In der Hirnforschung hat sich in den letzten zwanzig Jahren die Vorstellung, wie das Hirn funktioniert, sehr verändert“, erklärt Gerald Hüther. „Die größte Erkenntnis ist, dass das Hirn zeitlebens veränderbar ist. Damit ist klar: Jeder Mensch hat in jedem Moment seines Lebens die Chance, sich noch einmal zu verändern. Man muss nicht immerzu weiterführen, was man immer gemacht hat – das ganze Leben ist eine Entdeckungsreise, eine einzige große Chance.“ |