Eine Schraube für Schweden

Man muss kein Computerfreak sein, um digital Erfolg zu haben. Eine gute Portion Pragmatismus genügt völlig, zeigt Jörg Pauli mit seinem Fahrradladen – und verrät, wie eine einzige Bestellung sein Geschäft für immer veränderte.


Er habe ein Rad im Internet gesehen, Carbon, rot-schwarz, mit allen möglichen Extras, erklärt der Kunde. „Das würde ich gerne mal sehen und eine Proberunde fahren“, deshalb sei er hergekommen. Der junge Mann hat dafür mehr als 250 Kilometer Anfahrt auf sich genommen, aber es geht ja schließlich auch um eine Investition im mittleren vierstelligen Bereich. „Das ist ganz typisch für unsere Kunden: Sie informieren sich in unserem Online-Shop, was wir hier haben – und dann kommen sie persönlich her“, sagt Jörg Pauli. Seit fünfundzwanzig Jahren betreibt er den Cannondale- Store an der Mosel, seit zehn Jahren setzt er auch auf den Internet- Handel. „Der Online-Shop funktioniert vor allem für Ersatzteile bestens. Ein ganzes Rad allerdings kaufen die wenigsten online – die meisten recherchieren auf unserer Homepage und kommen dann her. Fast alle wollen ein hochwertiges Rad erstmal sehen, anfassen, testen, bevor sie es kaufen.“

Das wiederum kann Jörg Pauli gut verstehen, schließlich verbringt der 50-Jährige selbst seit Jahrzehnten jede freie Minute auf dem Rad. Mal fährt er Rennrad, mal Mountainbike – auf 10.000 bis 15.000 Kilometer im Sattel bringt er es pro Jahr. Dass er sein Hobby zum Geschäft gemacht hat, war eher eine Notwendigkeit als der Wunschtraum, Unternehmer zu werden: „Für uns Radfahrer war es immer schwierig, passende Ersatzteile und wirklich hochklassige Räder zu bekommen. Man musste sehr weit fahren, und oft war die Beratung auch nicht gut.“ Und so hat er sich damals entschlossen, es selbst zu machen. Er mietete einen 30-Quadratmeter- Laden in der Eifel, orderte acht Räder der renommierten US-Marke Cannondale. „Das hat sich in der Szene sehr schnell herumgesprochen, nach zwei, drei Jahren ist unser Laden aus allen Nähten geplatzt.“ Paulis Geschäft war zum ersten Cannondale- Store in Deutschland geworden, er verkaufte Räder und Ersatzteile, bot Beratung und Reparatur an.

Dann, vor etwa zehn Jahren, kam eine Bestellung aus Schweden, die sein Geschäft grundlegend verändern sollte. Ein Kunde aus dem hohen Norden brauchte eine ganz bestimmte Schraube für sein Rennrad – und war bereit, allein für das Porto 20 Euro zu bezahlen. „Ich habe mir gedacht: Wenn der Versand diesem Kunden so viel wert ist, dann ist das bei anderen vielleicht auch so.“ Also hat Jörg Pauli Ersatzteile auf Vorrat bestellt, Spezialschrauben und Kurbelsysteme, Sattelstützen und Federgabeln – alles, was der anspruchsvolle Radfahrer brauchen könnte. Bei einem großen Anbieter mietete er einen Online-Shop, den er nach seinen eigenen Vorstellungen gestalten und mit seiner Ware bestücken kann: „Ich bin kein Internetprofi, aber das ist wirklich einfach zu bedienen.“ Ein Warenwirtschaftssystem ist bei dem Mietangebot gleich dabei: Ist ein Ersatzteil online verkauft, wird das im System automatisch registriert. So bleibt der Online-Shop immer aktuell, die Verkäufe vor Ort im Laden können ebenfalls damit synchronisiert werden. „Mir ist es wichtig, dass ich nur etwas anbiete, das ich selbst im Lager habe. Dadurch vermeide ich viel Ärger, der entstehen würde, wenn ich dann doch nicht liefern könnte.“

Der Online-Shop macht heute einen großen Teil von Jörg Paulis Geschäft aus. „Am Anfang haben wir das noch nebenbei gemacht, hier mal ein Päckchen gepackt, da mal etwas verschickt.“ Das geht aber längst nicht mehr, mittlerweile kümmert sich seine Frau in Vollzeit um den Online-Auftritt und die Bestellungen, um Verpackung, Versand und Rücknahmen. Die Kunden kommen längst nicht mehr nur aus Deutschland, die Paulis verschicken in die ganze Welt: „Wir hatten schon Bestellungen aus Afrika, Thailand, Brasilien.“ Immer mehr zugenommen hat auch die Beratung per Telefon und E-Mail, rund fünfzig Kundenanfragen kommen pro Tag, die Pauli meist persönlich beantwortet.

Online gehört heute einfach dazu. 

Jörg Pauli
Geschäftsführer Cannondale-Store Briedel

Fahrradhandel vor Ort und zugleich online: für ihn ein lohnendes Geschäft. Vor drei Jahren ist der Radspezialist mit seinem fünfköpfigen Team in die erste eigene Immobilie in Briedel gezogen, die ISB unterstützte ihn dabei mit einem Investitionszuschuss aus dem Regionalen Landesförderprogramm des Landes Rheinland-Pfalz. „Es ist super, dass wir jetzt genügend Platz haben für den Laden, unsere Werkstatt, Lager und den Versandhandel.“ Für ihn gehört das alles zusammen. Er selbst berät die Kunden immer noch am liebsten vor Ort im Laden, zeigt ihnen verschiedene Räder, baut sie dann in der Werkstatt individuell zusammen. Der Online-Handel ist für Jörg Pauli, wie er selbst sagt, nach wie vor Mittel zum Zweck. „Es gehört heute einfach dazu. Klar hilft es meinem Geschäft, wenn uns die Leute im Internet finden.“ Und danach oft persönlich herkommen, wie der Kunde, der gerade sein vermeintliches Traumrad probefährt – um sich, nachdem er ausgiebig mit Jörg Pauli gefachsimpelt hat, dann doch für ein anderes Modell zu entscheiden. Pauli selbst wird sich nach getaner Arbeit noch auf sein eigenes Rad schwingen, ein paar Kilometer an der Mosel entlangfahren und die Natur genießen. Ganz analog. |