Die vierte Revolution

Digitalisierung und Industrie 4.0: Die Schlagworte sind allgegenwärtig – ohne sie, so scheint es, geht heute gar nichts mehr. Aber was steckt eigentlich dahinter, ganz konkret? Wo stehen wir? Und was wird kommen?


Eigentlich, sagt Dr. Johannes Winter, ist die Digitalisierung ja gar kein neuer Trend. Die Anfänge liegen in den 1940er-, 1950er-Jahren – damals allerdings hatte noch keine Privatperson einen Computer, die waren etwas für Fachleute, Visionäre, frühe Nerds. Man brauchte nicht nur Spezialwissen und viel Geld, sondern auch genug Platz: Um nur einige Daten zu speichern, waren ganze Lagerhallen nötig.

„Die eigentliche Revolution liegt darin, dass Computer immer kleiner und leistungsfähiger werden“, sagt Winter. Seit die Lagerhallen auf Hosentaschenformat geschrumpft sind, seit sich jeder einen Hochleistungsrechner leisten kann. Seit die Übertragung eines Bildes, die früher Minuten dauerte, im Bruchteil einer Sekunde funktioniert. „Die Speicher- und Rechenkapazität erhöht sich exponentiell, verdoppelt sich rund alle 18 Monate. Zu dieser Erkenntnis kam der Intel-Gründer Gordon Moore bereits 1965. Wir erleben jetzt, dass bekannte Technologien immer besser angewendet werden können und alle davon profitieren – in der Mobilität, in der Produktion, im privaten Bereich.“

Unternehmen sollten das Erfolgreiche beibehalten – und gleichzeitig Neues erkunden. 

Dr. Johannes Winter
Wirtschaftsgeograph und Leiter des Themenschwerpunkts Technologien, acatech

 

Dr. Johannes Winter leitet den Themenschwerpunkt Technologien bei der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften in München, acatech. Er beschäftigt sich intensiv mit Digitalisierung – und vor allem mit Industrie 4.0. „Gemeint ist damit die vierte industrielle Revolution. Nach der Mechanisierung, der Elektrifizierung und der Automatisierung ziehen jetzt Vernetzung und künstliche Intelligenz in alle Bereiche ein. Wir stehen gerade erst am Anfang: Industrie 4.0 ist keine Entwicklung, auf die wir zurückblicken.“ Das heißt konkret: Die Vernetzung mit all ihren Folgen und Möglichkeiten wird zunehmend ein Thema – die Vernetzung mit dem Internet, zwischen Maschinen, auch über Unternehmensgrenzen hinaus. Das hat Auswirkungen auf die Arbeit: „Menschen kommen viel näher in Kontakt mit Maschinen, arbeiten mit intelligenten Robotern in hybriden Teams zusammen.“

Dabei kann man bei der Entwicklung hin zur Industrie 4.0 drei Schritte ausmachen: von smart über vernetzt hin zu autonom. „Nehmen wir das Auto als Beispiel. Es ist mit Sensoren ausgestattet stattet, die das Fahrzeug smart machen: Sie sammeln per Kamera, Radar und Ultraschall Umgebungsdaten, etwa zur Erkennung von Hindernissen oder Verkehrszeichen“, so Winter. „Diese Daten allein nützen allerdings noch nicht viel. Sie müssen ausgewertet und verstanden werden, damit sie ein strukturiertes Bild ergeben, das dann wiederum in eine Handlung mündet – etwa, dass das Auto autonom bremst oder die Spur wechselt.“

Dr. Johannes Winter

ist promovierter Wirtschaftsgeograph und Leiter des Themenschwerpunkts Technologien bei acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften. Zuvor war er Visiting PhD bei Volkswagen Poznan und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität zu Köln. acatech berät Politik und Gesellschaft in technikbezogenen Zukunftsfragen. Neben dem acatech FORUM in München als Hauptsitz unterhält acatech Büros in Berlin und Brüssel.

Hybrid-Teams, autonome Systeme, selbstfahrende Autos: All das existiert heute schon – und mutet doch für die breite Mehrheit noch an wie Science Fiction. Viele Unternehmer beobachten die Entwicklungen skeptisch, haben Sorge, den Anschluss zu verlieren. „Industrie 4.0 ist etwas, das über kurz oder lang alle Branchen und Unternehmen angeht, unabhängig von der Größe“, sagt Dr. Johannes Winter. „Das heißt allerdings nicht, dass der Mittelstand jetzt alles auf einen Schlag verändern muss. Nein, wenn ein Geschäftsmodell gut funktioniert, kann es zunächst weitergeführt werden.“ Er rät aber dazu, wachsam zu sein, Veränderungen am Markt im Auge zu behalten – und zwar nicht nur die Aktivitäten der direkten Wettbewerber, sondern auch junge, innovative Quereinsteiger mit viel Kapital.

„Die Digitalisierung verändert die Spielregeln. Wichtig ist es, das zu erkennen und eine eigene Strategie zu entwickeln. Wo stehe ich heute, wo will ich künftig stehen?“ Um gerade kleinen und mittleren Unternehmen den Weg hin zur Industrie 4.0 zu erleichtern, hat acatech im Jahr 2016 ein „Reifegradmodell“ herausgegeben, den „Industrie 4.0 Maturity Index“. Auf der Grundlage dieses Leitfadens kann jedes Unternehmen seinen eigenen Stand der Digitalisierung beurteilen und sinnvolle nächste Schritte planen.

Der Mittelstand sollte auf innovative Quereinsteiger achten. 

Dr. Johannes Winter

 

Viele könnten, so Winter, mit kleinen Projekten den Einstieg in die digitale Transformation schaffen: „Wir nennen das Ambidextrie, also Beidhändigkeit: Wir behalten das Erfolgreiche bei und erkunden gleichzeitig Neues. Zum Beispiel kann man erst einmal eine einzelne Anlage mit dem Internet verbinden, um Daten zu generieren und auszuwerten. Wie ist der Energieverbrauch? Wie kann die Verfügbarkeit erhöht werden? Je besser man seine Anlagen kennt, desto effizienter kann man mit ihnen arbeiten – und so das Unternehmen Stück für Stück digitalisieren.“

Einen weiteren Trend, der immer mehr Unternehmen tangieren wird, sieht Winter in der „Plattformisierung“. „Wir kennen das aus dem Carsharing- und Übernachtungsbereich: Man bietet über Internetplattformen das eigene Auto oder eine Wohnung an. So etwas wird künftig auch im geschäftlichen Bereich zunehmen.“ Nicht jeder Kunde wolle eine Maschine kaufen, vielen genügen Maschinenstunden: „Das kann dem Kerngeschäft eines Maschinenbauers schaden – oder er steigt selbst in eine Plattform ein. Vielleicht kann er anderen im Wertschöpfungsnetzwerk eine Maschine zugänglich machen und sie dadurch besser auslasten? Man muss ja nicht gleich sein ganzes Geschäftsmodell verändern.“ Mit Bedacht handeln, ja. Nichts überstürzen, ja. Aber: Nicht mitmachen bei Industrie 4.0 ist für Dr. Johannes Winter keine Option. „Irgendwann wird alles, was digitalisiert werden kann, auch digitalisiert. Und darauf sollten wir uns alle vorbereiten.“ |