Die Gegenwart von morgen

Weit blicken: Das ist sein Job. Zukunftsforscher Christof Lanzinger über Megatrends, gefühlte Veränderungen und die neue Lust auf Langsamkeit.


Die Frage hört er immer wieder, mal als Scherz gemeint, manchmal vielleicht auch ernst. Ob er in die Zukunft sehen könne. Was denn wohl passieren werde, morgen, nächste Woche. Nein, sagt er dann, er könne nicht in die Zukunft sehen. Und was passieren wird? Kann er auch nicht sagen, zumindest nicht konkret. Was Christof Lanzinger jedoch genau weiß: Wie sich unser Planet global entwickelt und unsere Gesellschaft. Er kennt die großen, die Megatrends – sie sind es, um deren Erforschung es dem Zukunftsinstitut geht. Das von Matthias Horx gegründete Institut mit Sitz in Frankfurt und Wien legt den Fokus nicht auf kurzfristige Modeerscheinungen, sondern auf Umbrüche, die die Menschheit verändern – die „Blockbuster“, wie sie das selbst nennen.

Megatrends sind Veränderungen, die uns über lange Zeit prägen, jeden einzelnen Menschen, jede Ebene der Gesellschaft. Sie beeinflussen die gesamte Welt, nicht schnell und plötzlich, sondern langsam – und sie bleiben lange. Zur Definition gehört, dass sie eine „Halbwertszeit“ von mindestens 25 bis 30 Jahren und prinzipiell einen globalen Charakter haben. Zwölf solcher Megatrends hat das Zukunftsinstitut ausgemacht. Dazu gehört die Konnektivität, die globale Vernetzung rund um das Internet. Die Urbanisierung als Tendenz hin zu Megacitys mit ihren Risiken und Chancen.

Es kann gut sein, dass wir in zwanzig Jahren ein ganz anderes Verhältnis zu unseren Smartphones haben. 

Christof Lanzinger

 

Gesundheit als Lebensziel, für das die Menschen zunehmend Eigenverantwortung übernehmen. Die Silver Society als Gesellschaft, in der die Älteren immer mehr werden, neue Lebensstile praktizieren, in der die herkömmlichen Lebensphasen verschwimmen. Weitere Megatrends sind Mobilität und Sicherheit, Gender Shift und Globalisierung, Neo-Ökologie und Female Shift, New Work und Individualisierung.

Wir leben in einer Zeit von gefühlt großen Veränderungen, und das macht vielen Menschen Angst, weiß Zukunftsforscher Christof Lanzinger. Die Entwicklungen mit Trump und Brexit passen für ihn in dieses Bild: „Wenn die Welt komplexer und herausfordernder zu werden scheint, möchten viele gegensteuern – sie glauben, dass alles wieder übersichtlicher und verständlicher wird, wenn sie ihren Betrachtungsradius auf ihre ‚eigenen Leute‘ verringern. Das wird so aber nicht funktionieren, weil viele Herausforderungen nur global lösbar sind.“

Christof Lanzinger

Er ist Trend- und Zukunftsforscher am Zukunftsinstitut. Der Betriebs- und Volkswirt hat sich auf Zahlen und Statistiken sowie deren Visualisierung spezialisiert. Im Zukunftsinstitut arbeitet er an Trendstudien und berät Unternehmen dabei, wie sie sich für die Zukunft aufstellen können.

Die Augen verschließen: Das ist für ihn die schlechteste Lösung. „Die Welt ist im ständigen Wandel, ob wir wollen oder nicht. Sie verändert sich. Die Haltung, es wird alles weitergehen wie bisher, funktioniert auf Dauer nicht.“ Vielmehr sei es gerade heute notwendig, weit zu blicken, „damit Veränderungen und Umbrüche mich nicht im Grund erschüttern, sondern dass ich eine Antifragilität aufbaue, um mit Veränderungen umzugehen“. Das sei auch für Unternehmen wichtig: „Selbst wenn man seine eigene Welt gut beherrscht, muss man sich immer wieder mit kritischem Zukunftsoptimismus fragen: Was könnte für mich relevant werden? Wer zwar den Markt, die Konkurrenz und Innovationen betrachtet, aber gesellschaftliche Entwicklungen außen vor lässt, kann Trends übersehen.“

Die Welt ist im ständigen Wandel, ob wir wollen oder nicht. Sie verändert sich. 

Christof Lanzinger
Trend- und Zukunftsforscher

 

Die Zukunft ist keine lineare Fortschreibung der Gegenwart, betont Lanzinger immer wieder – weil nie etwas weitergeht wie bisher, weil es immer vorangeht, weil immer Innovationen kommen, die erst belächelt, dann Alltag und schließlich alt werden. Aber auch, weil jeder Trend eine Gegenströmung auslösen kann: Eine anfangs zügellose Begeisterung etwa für digitale Möglichkeiten wird irgendwann durch die Gesellschaft selbst wieder eingefangen, der Umgang damit kultivierter. „Immer mehr Menschen entscheiden sich mittlerweile gegen die Beschleunigung und für mehr Achtsamkeit – dafür, die Dinge langsamer zu tun“, weiß der Forscher. Sie zelebrieren Handlungen ganz bewusst, setzen auf Slow Food und langsames Reisen. Nehmen die Vorteile der Digitalisierung an, ohne sich davon beherrschen zu lassen. Es gibt eine Flucht aus der Konnektivität, Zeiten, in denen man offline ist und frei von Nachrichten. Auch das sei eine Entwicklung, die, wenn immer mehr Menschen mitmachen, in die Gesellschaft einfließen wird. „Es kann gut sein, dass wir in zwanzig Jahren ein ganz anderes Verhältnis zu unseren Smartphones haben.“ Zu welchen Smartphones, das weiß Christof Lanzinger nicht. Schließlich ist er ja kein Hellseher, sondern einer, der die Zukunft erforscht. |

Die Haltung, es wird alles weitergehen wie bisher, funktioniert auf Dauer nicht. 

Christof Lanzinger