Jedes Jahr ein bisschen besser

Es war DIE Überraschung des Sportjahres: Mit gerade einmal 21 Jahren wurde Niklas Kaul aus Saulheim Weltmeister im Zehnkampf – der jüngste überhaupt in der Geschichte seiner Sportart. Was bedeutet Fortschritt für jemanden, der schon ganz oben angekommen ist?


1 Leistungssport und Fortschritt gehören ja quasi untrennbar zusammen. Waren Sie schon immer sehr ehrgeizig?

Im Sport schon. Ich habe ja lange parallel Handball gespielt und Leichtathletik gemacht. Zuerst natürlich nur aus Spaß, dann ist allerdings schnell der Perfektionist in mir durchgekommen. Komischerweise war das in der Schule nicht so. Da waren Einsatz und Ausbeute in einem guten Verhältnis, würde ich sagen – es war nicht so, dass ich überehrgeizig war in der Schule.

2 Im Zehnkampf sind Sie ja schon lange sehr erfolgreich. Hatten Sie trotzdem schon mal das Gefühl, dass Sie nicht weiterkommen, dass es keinen Fortschritt gibt?

Das Schöne im Zehnkampf ist ja, dass es so viele Disziplinen gibt – da sieht man immer irgendwo Fortschritte. Meine Hochsprung-Bestleistung ist von 2016, da hat sich in den vergangenen Jahren wenig getan. In anderen Disziplinen dafür aber umso mehr, bei der WM in Doha hatte ich gleich drei persönliche Bestleistungen.

3 Dort bei der Weltmeisterschaft standen Sie nach dem ersten Wettkampftag „nur“ auf Platz 11. War für Sie klar: Fortschritt ist trotzdem möglich?

Der erste Tag ist ja immer mein schlechterer Tag. Mit der Platzierung habe ich mich deshalb eigentlich wenig beschäftigt, die Punkte waren nicht so schlecht. Ich weiß noch, dass ich abends auf dem Weg zum Hotel zum Bundestrainer gesagt habe: Ich weiß nicht, ob ich mich über Tag eins freuen oder ärgern soll. Und dann lief der zweite Tag vor allem nach dem Hürdenlauf einfach perfekt.

Es ist ein guter Wettkampf, wenn man eine Leichtigkeit verspürt. 

Niklas Kaul
Zehnkampf-Weltmeister 2019

4 Was ist Ihnen generell wichtiger: die Platzierung oder die Punkte, also die konkrete Leistung?

Ganz klar die Punkte. Ich kann nicht beeinflussen, was die Konkurrenz macht, deshalb muss ich mich auf mich konzentrieren und gucken, wo ich noch mehr Punkte rausholen kann. Wo sind Disziplinen, die noch nicht so gut funktionieren? Wo habe ich das Gefühl, dass ich technisch noch etwas umstellen muss, um noch besser zu werden? Wenn der Antrieb immer nur die Platzierung ist, dann ist das schwierig. Dann denkt man nicht über seinen eigenen Fortschritt in den einzelnen Disziplinen oder über das Training nach, sondern über die Konkurrenz.

5 Kann es also sein, dass Sie nach einem Wettkampf unzufrieden sind, obwohl Sie einen guten Platz erreicht haben?

Auf jeden Fall. Beim WM-Gold wäre mir die Punktzahl natürlich total egal gewesen. Es gibt aber Wettkämpfe, da sagt man nachher: Die Platzierung ist super, aber ich bin mit dem Wettkampf unzufrieden. Man fühlt, dass die Wettkampfform nicht gut ist, alles ist schwerfällig, es fühlt sich nach Arbeit an. Es ist dagegen ein guter Wettkampf, wenn man eine Leichtigkeit verspürt, wenn sich die Disziplinen leicht anfühlen. Das war in Doha so.

6 Freuen Sie sich eigentlich auch über Fortschritte von anderen?

Natürlich! An Leuten, die auch gut sind, kann man sich messen und hochziehen. Gerade in Wettkämpfen, in denen es nicht so gut läuft, kann ich das für mich nutzen. Wenn man sich dagegen runterziehen lässt, wenn andere Leute gut oder besser sind, dann hat man wenig Spaß im Sport.

Niklas Kaul

Niklas Kaul wurde 1998 in Mainz geboren. Bereits als Jugendlicher war er international als Zehnkämpfer erfolgreich, seine beste Disziplin ist der Speerwurf. Bei den Weltmeisterschaften in Doha in Katar wurde Kaul mit 8.691 Punkten Weltmeister – sowohl bei der Gesamtpunktzahl als auch im Diskus- und Speerwurf sowie im Stabhochsprung erreichte er dabei seine persönliche Bestleistung. Parallel zum Sport studiert Niklas Kaul in Mainz Physik und Sport auf Lehramt.

Nach der Goldmedaille hat er jetzt auch ein goldenes Reh: Ende November 2019 wurde Niklas Kaul mit dem Bambi in der Kategorie Sport ausgezeichnet. Es sei eine „Weltsensation“, nannte die Jury seinen überraschenden WM-Sieg.

7 Über welche Fortschritte würden Sie sich in Zukunft am meisten freuen?

Ich bin ja noch relativ jung und in manchen Techniken noch nicht so stabil wie Leute, die Ende 20 sind. Es gibt noch viele Stellschrauben, an denen ich drehen kann. Am meisten würde ich mich freuen, wenn ich im Sprint besser würde. Das ist eine schwächere Disziplin von mir, davon sind aber viele andere Disziplinen abhängig – Weitsprung, 400 Meter, Stabhochsprung, Hürden. Außerdem wäre es toll, wenn ich mal 80 Meter Speerwerfen könnte. Es war etwas ärgerlich, dass dazu in Doha 95 Zentimeter gefehlt haben.

8 Was hat sich für Sie seit dem Weltmeister-Titel verändert?

Das Interesse der Medien ist natürlich deutlich größer geworden, und manchmal ist es auch stressig – aber es ist ja nicht so, dass mir das keinen Spaß machen würde. In meinem normalen Umfeld, in der Trainingsgruppe, bei mir zu Hause und auch im Uni-Umfeld, hat sich nichts verändert. Und genau so soll es auch sein: Ich bin ja kein anderer Mensch geworden in zwei Tagen Wettkampf.

9 Apropos Uni: Sie studieren Physik und Sport auf Lehramt. Haben Sie da mit einer ganz anderen Art von Fortschritt zu tun als im Sport?

Das ist ganz anders. Da kann ich nicht sagen: Ich versuche, jedes Jahr etwas besser zu werden. An der Uni geht es darum, zu lernen, die Scheine zu machen, die Vorlesungen zu besuchen und die Klausuren zu schreiben. In gewisser Weise sind Verbesserungen dort einfacher zu sehen: Ich bestehe eine Prüfung und sehe, dass ich einen Fortschritt gemacht habe. Wenn ich dagegen im Training zwar immer bessere Leistungen bringe, es aber im Wettkampf nicht hinbekomme, dann sieht es so aus, als ob es gar nicht weitergeht. Deswegen ist das Studium, was Fortschritt betrifft, etwas einfacher. |