Gemeinsam selbstständig leben

Nein, fortschrittliches Wohnen beschränkt sich nicht auf futuristische Materialien und Smart Home. Fortschritt bezieht sich auch darauf, WIE Menschen zusammenleben – etwa in gemeinschaftlichen Wohngruppen. Ein Beispiel aus Pirmasens.


„Ich bin sehr dankbar, dass ich hier leben darf“, sagt der ältere Herr. „Ich fühle mich wohl hier, bin selbstständig, aber nie einsam.“ Er ist bereits Ende 2013 in die Wohngruppe am Berliner Ring gezogen, war einer der ersten Bewohner überhaupt. Was ihm so gefällt? Es ist das normale Leben, die Regelmäßigkeit, das Familiäre, das er früher so nicht kannte. Und jeden Tag „Mensch ärgere dich nicht“, das gehört auch dazu.

Sieben Frauen und Männer leben am Berliner Ring in Pirmasens zusammen, sie sind zwischen 50 und 90 Jahre alt, einer sitzt im Rollstuhl, viele kommen aus schwierigen Verhältnissen. Für jeden Einzelnen ist diese Wohngruppe eine Alternative zum Pflegeheim, denn ganz allein leben können sie schon lange nicht mehr. Hier haben alle ein eigenes, individuell gestaltetes Zimmer mit eigenem Bad und Balkon. Küche, Ess- und Wohnzimmer teilt sich die Gemeinschaft, man trifft sich mehrmals täglich, tauscht sich aus, spielt und isst gemeinsam. Tagsüber sind drei Alltagsbetreuerinnen der Arbeiterwohlfahrt für die Bewohnerinnen und Bewohner da, kümmern sich um Einkauf, Kochen, Wäsche. Wer zusätzliche Pflege benötigt, organisiert sie individuell.

„Früher gab es in diesem Haus nur kleine Einzelappartements“, erzählt Ralph Stegner von der Bauhilfe Pirmasens, der das Gebäude gehört. „Es wurde aber immer deutlicher: Was wirklich gebraucht wird, ist eine gemeinschaftliche Wohnmöglichkeit für ältere Menschen mit Beeinträchtigungen und niedriger Rente.“ Damals hatte die ISB gerade ein neues Programm zur Förderung von Gemeinschaftswohnungen aufgelegt, Voraussetzung für eine Förderung ist es, dass nur an Menschen mit niedrigem Einkommen vermietet wird. Mit dem Darlehen der ISB konnte die Bauhilfe Pirmasens eine Etage des Gebäudes zu einer Wohngruppe umbauen. „Wir wollten die Möglichkeit schaffen, dass die Menschen wirklich zusammenleben. Und das hat funktioniert: Der Gemeinschaftsgedanke ist auch heute noch sehr wichtig.“

Wir wollten die Möglichkeit schaffen, dass die Menschen wirklich zusammenleben. 

Ralph Stegner
Bauhilfe Pirmasens

Das zeigt sich auch an verschiedenen Kompetenzen, die in der Hand der Bewohner liegen: Sie selbst treffen Entscheidungen, die wichtig für die Gruppe sind – so wurde zum Beispiel beschlossen, dass auch Gäste zum Essen kommen können. Und wenn eine Wohnung frei wird, entscheiden alle zusammen über neue Mitbewohner, die zum Einzug in den geförderten Wohnraum berechtigt sind. Es ist durchaus üblich, dass jemand für einige Wochen probewohnt, um zu sehen, ob es von beiden Seiten her passt.

Seit dieser ersten Wohngruppe hat die ISB auch andere, ähnliche Projekte gefördert. Ein Fortschritt für alle Seiten – gerade angesichts von demografischem Wandel und hohen Mieten sind solche Wohnformen gefragter denn je. „Die Menschen werden immer älter, es gibt immer mehr Bedarf zwischen Alleinleben und Pflege“, so Stegner. „Und genau das bietet eine solche Wohnform.“ Das können die Bewohnerinnen und Bewohner des Berliner Rings nur bestätigen. Für sie hat das Leben auch mit Beeinträchtigungen eine hohe Qualität. „Das ist genau das Richtige“, sagt der ältere Herr, der schon so lange hier wohnt. Und dann setzt er sich an den Tisch, um mit den anderen zu spielen – „Mensch ärgere dich nicht“, wie jeden Tag. |