Der Vater der Hidden Champions

Wenn man einen überaus erfolgreichen Unternehmensberater nach „Fortschritt“ fragt, erwartet man Antworten wie Optimierung, Gewinnmaximierung – oder irgendwas mit schneller, größer, weiter. Doch Hermann Simon? Er sagt: „Fokus.“ Und: „Überleben.“ Warum?


Eine Veranstaltung an der WHU – Otto Beisheim School of Management in Vallendar bei Koblenz. Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hermann Simon ist als Gastredner eingeladen, spricht eine Dreiviertelstunde lang, frei und ohne Manuskript. Die Zuhörer saugen jedes Wort auf, er ist überzeugend, hat gute Argumente und noch bessere Zahlen. Er fühlt sich sichtlich wohl vorne auf der Bühne, spricht über das Thema, das ihn seit Jahrzehnten beschäftigt: Hidden Champions, verborgene Weltmarktführer. Simon erklärt, wie er den Begriff definiert: Unternehmen, die weltweit unter den Top drei sind oder auf ihrem Kontinent auf Platz eins, aber dennoch in der Breite wenig bekannt. Als er eine Grafik mit der weltweiten Verteilung von Hidden Champions zeigt, geht ein Raunen durch den Saal: Deutschland hat 16 Hidden Champions pro eine Million Einwohner. Weltmeister! Gefolgt von Japan, dort sind es gerade mal 1,7. Ungefähr ein Zehntel. USA? China? Weit abgeschlagen. „Deutschland ist im globalen Wettbewerb nachhaltig erfolgreich. Das ist keineswegs nur Großunternehmen, sondern primär dem Mittelstand, insbesondere den Hidden Champions, zu verdanken“, sagt Hermann Simon.

Hermann Simon

Für viele ist das große Ziel, dass der eigene Name für eine ganze Produktgruppe steht. 

Hermann Simon
Unternehmensberater

Die Zahlen sind solide, natürlich, Hermann Simon hat sie selbst erhoben. Er ist der Entdecker der Hidden Champions und der Erfinder des Begriffs – war er es doch, der in den frühen 1990er-Jahren erstmals zu diesem Thema geforscht hat und es bis heute tut. Später, in der Kaffeepause, wird er umringt sein von Zuhörern, die Nachfragen haben, ihn zu Veranstaltungen einladen möchten, sich für seine Forschung interessieren und für seine Thesen. Er ist „Vater der Hidden Champions“ und zugleich selbst einer. Und er kennt deren Erfolgsgeheimnisse wie kein anderer, weiß, wie Fortschritt am besten funktioniert.

„Diese Unternehmen haben eines gemeinsam: Sie sind extrem ehrgeizig, streben nach Marktführerschaft“, erklärt er. „Sie sind der Maßstab, an dem sich andere messen – oder sie wollen es werden.“ Und wie? Spätestens an dieser Stelle fällt ein Begriff, der für Hermann Simon den Kern jedes Erfolgs bildet: Fokus. „Nur Fokus führt zur Weltklasse. Die Hidden Champions sind auf ihre Technologien und Märkte fokussiert. Durch Tiefe schaffen sie einzigartige Produkte, mit denen sie besser sind als alle anderen. Und darauf konzentrieren sie sich.“ Ist also der altmodisch klingende Spruch „Schuster, bleib bei deinen Leisten“ gar nicht überholt? „Nein, überhaupt nicht – er passt heute mehr denn je. Den sollten sich viele zu Herzen nehmen.“ Natürlich expandieren erfolgreiche Unternehmen – das tun sie international: Die Globalisierung sei der Wachstumstreiber schlechthin für die Hidden Champions, sagt der Unternehmensberater. „Expansion in die Breite dagegen, also der Versuch, in ganz andere Märkte vorzudringen, das geht selbst bei großen Unternehmen häufig schief.“

Hermann Simon

Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Hermann Simon, Jahrgang 1947, stammt von einem Bauernhof in der Eifel. Nach dem Abitur studierte er Volks- und Betriebswirtschaftslehre in Köln und Bonn, später lehrte er als Professor unter anderem an Universitäten in Mainz, Bielefeld, den USA, London und Tokio.

1985 gründete er die Unternehmensberatung Simon, Kucher & Partners, die heute Weltmarktführer in der Preisberatung ist. Anfang der 1990er-Jahre prägte Simon den Begriff „Hidden Champions“ und veröffentlichte zahlreiche Bücher zu diesem Thema. Seine Bücher sind in 27 Sprachen erschienen.

Dabei bedeutet „Fokus“ mitnichten, immer dasselbe zu tun. Im Gegenteil: Der Fokus muss dazu führen, im eigenen Bereich besser und innovativer zu sein und zu bleiben als alle anderen. „Nur so kann ein Unternehmen in unserer globalisierten Welt bestehen. Auf Dauer überlebt nur, wer innovativ und fortschrittlich ist. Oder umgekehrt: Überleben auf Dauer – das ist Fortschritt.“

Dabei, das ist Simon ganz wichtig, darf das Unternehmen bei Innovationen nicht nur vom eigenen Produkt ausgehen, sondern muss vor allem das Kundenbedürfnis im Blick haben. Was will der Kunde, wofür wird er Geld bezahlen? Was er damit meint, erläutert Hermann Simon am Beispiel eines Unternehmens, das jahrzehntelang Filme für Kameras hergestellt hat und Chemikalien zur Entwicklung. Wenn dieses Unternehmen nun weiterhin Filme und Chemikalien herstellt, hat es auf Dauer keine Überlebenschance am digitalisierten Markt, auch wenn die Produkte noch so gut sind. „Das Unternehmen muss sich vielmehr auf das Kundenbedürfnis ‚Bilder machen‘ fokussieren und alles tun, damit der Kunde am Ende sein Foto hat – egal ob digital oder als Druck“, so Simon. Diesen Fokus auf das Kundenbedürfnis zeigen Hidden Champions besonders ausgeprägt, hat Simon in seiner jahrzehntelangen Arbeit festgestellt – der eine stellt nur Roll-Hundeleinen her, der andere Weltklasse-Orgeln. „Für viele ist das große Ziel, dass der eigene Name für eine ganze Produktgruppe steht.“

Hermann Simon selbst hat das im Übrigen längst geschafft: Sein Name ist untrennbar mit dem Begriff „Hidden Champions“ verknüpft, bei Google erscheinen bei dieser Kombination mehr als eine halbe Million Einträge. Und: Seine Unternehmensberatung hat sich schon früh auf die Preisberatung für Unternehmen spezialisiert – und ist auf diesem Gebiet, wie könnte es anders sein, Weltmarktführer. Und so wird Hermann Simon in der Presse wahlweise als „Vater der Hidden Champions“ oder als „Preispapst“ betitelt – für ihn das größte Kompliment: „Wenn ich das höre, dann freue ich mich und denke: Vieles richtig gemacht!“ |