Von Weitblick, Trends und Ehrlichkeit

Die erfolgreiche Modedesignerin Anja Gockel aus Mainz verrät, warum sie aus London zurück nach Rheinland-Pfalz kam und was soziales Engagement mit Mode zu tun hat


1 Sie haben schon als Kind gern gezeichnet. Hatten Sie damals schon den Weitblick, den Traum, dass Sie einmal so erfolgreich in der Mode – und jetzt sogar „Designerin des Jahres“ – werden würden?

Ich hatte tatsächlich schon immer einen sehr eigenständigen, kreativen Stil, mit dem ich mich von den anderen abgegrenzt habe. Früh war klar, dass ich einmal meinen eigenen Weg gehen würde. Das sagen zumindest meine Freunde aus Kindheitstagen. Wohin dieser Weg mich führt, wusste ich damals natürlich noch nicht. Dass ich heute, nach zwanzig Jahren im Modebusiness, als Designerin des Jahres hier sitze, ist für mich ein wahrgewordener Traum.

2 Sie sind in Mainz geboren, leben hier. Was schätzen Sie an Rheinland-Pfalz?

Direkt nach dem Abitur flog ich in die USA, studierte in Hamburg und London am renommierten Central St. Martins College und arbeitete für Vivienne Westwood. Es lockte mich die große weite Welt. Ich habe fünfzehn Jahre in den Metropolen dieser Welt verbracht, viel gesehen und viel erlebt. Erst später habe ich Mainz als meine Heimatstadt erkannt – der Liebe wegen zog ich 2000 hierher zurück. An Rheinland-Pfalz schätze ich besonders die unverwechselbare Mentalität und Lebensfreude.

In der Mode werden Grenzen neu entdeckt, neue Perspektiven geboren und Statements gesetzt. 

Anja Gockel
Modedesignerin, Mainz

 

3 Sie haben eine Zeitlang in London gelebt. Hat das Ihren Blick, Ihre Perspektive auf Ihre Heimatstadt Mainz verändert?

London ist als Millionenstadt unglaublich vielseitig, sehr inspirierend und voller Möglichkeiten. Es ist aber auch sehr anonym und gerade in der Berufswelt sehr unbeständig. In Mainz finde ich den nötigen Halt, die nötige Beständig- und Ehrlichkeit, um meinen eigenen Weg zu gehen.

 

4 Was bedeutet für Sie „Weitblick“?

Weitblick bedeutet für mich Offenheit gegenüber dem, was kommt, und Achtsamkeit gegenüber den Entwicklungen. Wichtig ist dabei, nicht aus den Augen zu verlieren, was im Hier und Jetzt passiert. Nehmen wir beispielsweise die jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen: Wir, die Mitte der Gesellschaft, müssen laut werden – in einer Zeit, in der die Stimme von immer mehr extremen Gruppierungen an Kraft gewinnt. In diesem Fall reicht es nicht mehr, nur zur friedlichen Mitte zu gehören und achtsam zu sein. Hier bedeutet Weitblick, laut zu werden und das zu verteidigen, was uns zusammenhält – unsere Freiheit und Demokratie zu schützen.

5 Sie sind Mutter von vier Kindern. Wo braucht man mehr Weitblick – bei Kindern oder in der Mode?

Ein gewisses Maß an Weitblick sollte einen in allen Bereichen des Lebens begleiten. Ob bei den Kindern oder in der Mode – wer mit Scheuklappen durch das Leben geht, verliert.

6 Sie engagieren sich auch sozial. Ist das Gegensatz oder Ergänzung zur Modewelt?

Soziales Engagement ist für mich ein wichtiger Teil der Modewelt. In der Mode werden wie in jeder Kunst Grenzen neu entdeckt, alte Normen in Frage gestellt, neue Perspektiven geboren und Statements gesetzt. Als Designerin möchte ich meiner Kollektion über ihre eigentliche Funktion und Lebensdauer hinaus einen Mehrwert verleihen. Dazu gehört es eben auch, auf gesellschaftliche Entwicklungen aufmerksam zu machen und Stellung zu beziehen, sich für andere stark zu machen.

Anja Gockel

Die gebürtige Mainzerin, Jahrgang 1968, zählt zu den erfolgreichsten Modedesignerinnen Deutschlands. Nach ihrem Studium in London gründete sie 1996 ihr Modelabel „anja gockel“. Ihr Anspruch ist es bis heute, hochwertige Designermode zu kreieren, die auch jenseits von Kleidergröße 34 tragbar ist. Anja Gockel ist verheiratet und hat vier Kinder.

www.anja-gockel.com
Anja Gockel Shop
Am Judensand 59 e, 55122 Mainz
Öffnungszeiten: Mo-Fr: 10–19 Uhr, Sa: 10–16 Uhr

7 Als Designerin brauchen Sie Weitblick, planen immer schon lange voraus. Woher wissen Sie eigentlich, was Trend wird?

Modische Trends sind zurzeit so schnelllebig wie noch nie. Im Streben nach immer individuelleren, wenn möglich nie dagewesenen Looks vermischen sich die verschiedensten Stilelemente, und es entstehen immer wieder neue Extreme. In dieser „Überspannung“ der Trends hebt sich derjenige von der Masse ab, der seinem persönlichen Stil treu bleibt. In meinen Kollektionen verbinde ich diesen mit der Ästhetik neuester Trends.

8 Wie groß ist die Gefahr, beim „Weitblicken“ mal richtig daneben zu liegen? Ist Ihnen das schon mal passiert?

Es gibt natürlich immer wieder Looks, die im Trend liegen, aber nicht wirklich tragbar sind. Beispiele wären der Oversized-Look oder sehr transparente Stoffe. Die Kunst und Aufgabe für mich als Designerin ist es, die Grundidee der Trends so zu interpretieren, dass sie für jeden tragbar werden. Das ist mir bisher zum Glück immer ganz gut gelungen.

9 Wagen wir einen Weitblick in Sachen Mode: Welche Überraschungen erleben wir in den kommenden Jahren? Was bleibt, was kommt? Und wo stehen Sie?

Wünschenswert wäre ein Umdenken in den Köpfen der Konsumenten – weg von der „Geiz ist geil“- hin zur „Werte sind geil“-Mentalität. Der Vormarsch der Fast-Fashion-Ketten hat das Ansehen und die Wertschätzung von Kleidung in den vergangenen Jahren getrübt. Die Mode muss sich in der Zukunft als Kulturgut behaupten. Das wird sicher nicht einfach. Ich bin aber davon überzeugt, dass sich die Menschen wieder auf Werte wie Qualität, Ehrlichkeit und Authentizität eines Produkts besinnen.

Als Designerin des Jahres 2017 möchte ich diesen Werten wieder Inhalt verleihen. Auch nach zwanzig Jahren ist meine Kollektion weiterhin made in Germany. Nicht zu vergessen: das zwischenmenschliche Erlebnis beim Einkauf, das immer mehr an Bedeutung gewinnt. Das können Kunden in meinem Shop in Mainz, direkt neben dem Atelier, erleben: Mode erleben – dort, wo sie entsteht. |