Voll im Bild

Toner nachfüllen, eine Maschine reparieren oder einen Videorekorder programmieren: Die Welt kann so einfach sein – mit der innovativen Idee von der ioxp GmbH.


Hochkonzentriert steht er vor einer Maschine, rückt noch einmal die Brille auf seiner Nase zurecht. Tritt dann einen Schritt zur Seite, macht einen Handgriff, wendet den Kopf. Zwei Männer neben ihm verfolgen genau, was Dr. Nils Petersen macht. „Ich schreibe sozusagen gerade ein digitales Handbuch von dieser Maschine“, erklärt der Gründer und Geschäftsführer von der ioxp GmbH, die einen Standort in Kaiserslautern hat. „Ich filme mit dieser Datenbrille jeden Handgriff, dadurch lernt die Software, wie die Maschine funktioniert.“ Petersen ist zu einem Kunden gefahren, um sein innovatives Produkt zu zeigen: Jeder, der künftig an dieser Maschine arbeitet und die Datenbrille trägt, bekommt alle relevanten Informationen direkt in das reale Bild eingeblendet, immer an genau der richtigen Stelle. Wenn sich die Hände einem Drehknopf nähern, wird daneben die Schrift „links drehen“ eingeblendet, versehen mit einem virtuellen Schraubenzieher. Danach teilt die Software mit, ob die Aktion richtig ausgeführt wurde.

Mit dem innovativen Verfahren des Start-ups ioxp ist es möglich, ganze Handbücher für Maschinen digital zu verarbeiten – und zwar im Sinne von Augmented Reality, der „erweiterten Realität“. Das bedeutet, dass zusätzliche Informationen in ein reales Bild eingeblendet werden. Bekanntes Beispiel ist die Abseitslinie, die häufig bei Fernsehübertragungen von Fußballspielen gezeigt wird. Es gibt aber auch Augmented-Reality-Anwendungen für das tägliche Leben: Auf dem Smartphone-Display etwa sieht der Nutzer seine Umwelt, eine App projiziert Straßennamen oder Zusatz-Informationen über Sehenswürdigkeiten ins Bild. In manchen Autos erscheinen Informationen zur Geschwindigkeit oder Navigationspfeile auf der Windschutzscheibe, und auch die im Sommer 2016 so beliebten Pokémons, die überall an Straßen und auf Plätzen auftauchen, gehören zur Augmented Reality.

Die Idee für ioxp kam Nils Petersen nachts um drei Uhr, wenige Stunden vor Abgabetermin einer schriftlichen Arbeit. Er promovierte gerade am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Kaiserslautern, die Arbeit war fertig, er wollte sie nur noch ausdrucken – und, wie üblich zu solchen Gelegenheiten, war der Toner am Drucker leer. „Ich hatte erstens keine Ahnung, wo der neue Toner ist, und zweitens wusste ich nicht, wie man ihn wechselt“, erinnert er sich. „Da dachte ich: Es wäre super, wenn ich jetzt mein Smartphone rausholen könnte und es mich Schritt für Schritt durch den Austausch führen würde. Und zwar beginnend damit, wo in unserem Institut der Toner gelagert ist.“ Weil er ohnehin kurz danach einen Förderantrag für ein neues Projekt schreiben musste, formulierte er diese Idee und bekam tatsächlich die Finanzierung für die Forschung. Gemeinsam mit Alexander Lemken, Philipp Hasper und Jan Hirzel gründete er schließlich Anfang 2015 sein Unternehmen ioxp, der Name steht für „Input-Output of Experience“, das bedeutet soviel wie

„Wissens transfer“.

Wenn meine Eltern es schaffen würden, mit Hilfe von Augmented Reality den Videorekorder zu programmieren, dann sage ich: Wir haben unser Ziel erreicht! 

Dr. Nils Petersen
Geschäftsführer der ioxp GmbH

Gemeinsam entwickeln die Spezialisten seitdem Programme vornehmlich für die Industrie, um Arbeitsabläufe filmisch festzuhalten, die richtigen Handgriffe werden dann später mit der Realität verschmolzen. Das ist der große Unterschied zu einem Tutorial-Film, einer bebilderten Gebrauchsanweisung, die es zu Tausenden im Internet gibt: „Unsere Software ist interaktiv. Es läuft kein Film, den man ständig mit den eigenen Handgriffen abgleichen muss – sondern während ich etwas mache, sagt mir das Programm, an welcher Stelle an genau dieser Maschine ich drehen muss und ob es so in Ordnung war.“ Um die Einblendungen genau an der richtigen Stelle im Kamerabild zu halten, wird so genanntes Tracking verwendet, eine Art Verfolgung mit Hilfe von Sensoren.

Für diese Gründungsidee wurde ioxp mittlerweile mehrfach ausgezeichnet, 2015 gewannen Petersen und sein Team den von ISB, SWR und den Volksbanken Raiffeisenbanken initiierten Existenzgründerwettbewerb „Pioniergeist“. Mittlerweile läuft die Anwendung bei mehreren Kunden erfolgreich im Testbetrieb, unter anderem bei Bosch im saarländischen Homburg. Dabei ist den Gründern wichtig, dass ein Unternehmen die Filme selbst erstellen kann, nur bei der Einführung der Software ist jemand aus dem ioxp-Team dabei. „Wenn man erst einmal verstanden hat, wie es geht, ist es nicht schwierig“, weiß der Gründer aus Erfahrung. Derzeit ist ioxp auf die Industrie spezialisiert, Petersen sieht aber generell viel mehr Einsatzmöglichkeiten auch für den Alltag. Zum Beispiel beim Toner nachts um drei Uhr – oder für seine Eltern: „Wenn die es schaffen würden, mit Hilfe von Augmented Reality den Videorekorder zu programmieren, dann sage ich: Wir haben unser Ziel erreicht!“