Smartphones im Wilden Westen

Auf der Bühne nimmt er die Digitalisierungshysterie auf die Schippe, im echten Leben setzt er sich kritisch damit auseinander. Kabarettist Vince Ebert über kaltes Wasser, Zukunftsoptimismus – und über die Frage, was passiert, wenn Maschinen emotional werden.


1 Sie sind Kabarettist mit Physik-Diplom, waren auch mal Unternehmensberater: ein ungewöhnlicher Werdegang. Wie kam es dazu?

Ich habe Physik studiert, weil es mir Spaß gemacht hat – allerdings wollte ich danach dann doch nicht mein Leben mit Messungen im Labor verbringen. Also wurde ich Unternehmensberater, war zuständig für Datenanalysen. Und wusste schnell: Das ist auch nicht meine Bestimmung.

 

2 Aber zum Kabarett ist es dann doch noch ein weiter Weg, oder?

Ja und nein. Meine Lebensgefährtin hat irgendwann gesagt: Du erzählst doch ständig skurrile Geschichten. Du musst auf die Bühne! Ich habe meinen Job gekündigt, das war ein Sprung ins kalte Wasser. Und mit dem Kabarett hat es auch erst nur mäßig geklappt – bis ich quasi zu Wissenschaft und Big Data zurückgekehrt bin. Ab da hatte ich Erfolg.

3 Sie sind ja sozusagen analog aufgewachsen. Wie war Ihr „digitaler Werdegang“?

Ich bin Jahrgang 1968, habe die Anfänge mit C64 miterlebt und damals auch ein bisschen programmiert. Ich war aber nie ein Computerfreak, das war für mich eher Mittel zum Zweck als große Leidenschaft. Heute habe ich natürlich ein Smartphone, einen Computer, das ist ja praktisch, vor allem wenn ich auf Reisen bin. Aber ich bin nach wie vor kein Bastler. Wenn ich etwas installieren muss, werde ich wahnsinnig. Ich will einfach, dass es funktioniert.

Vince Ebert

wurde 1968 als Holger Ebert in Miltenberg geboren. Er studierte Physik, war als Unternehmensberater und in der Werbebranche tätig, bevor er kündigte und Kabarettist wurde. Der Schwerpunkt seiner Bühnenprogramme liegt heute auf Wissenschaftsthemen und Digitalisierung. Zudem ist Vince Ebert als Autor, Moderator und Redner tätig.

4 Was fällt Ihnen als erstes beim Stichwort „Digitalisierung“ ein?

Ich teile weder die Euphorie noch die große Angst davor. Ich sehe ja, wie dumm diese Systeme immer noch sind. Es sind Rechenmaschinen! Schnell, ja, aber Maschinen. Mein Kernsatz ist: Computer rechnen, Gehirne verstehen. Ein Computer kann Ihnen Bücher anbieten, die Sie vielleicht interessieren, und Sie können mit Daten eine Grippe-Epidemie voraussagen. Aber wenn es um Phantasie, um Kreativität, um neue Ideen geht, da scheitert ein Computer, weil er das nicht versteht. Er weiß nicht, was er lernt. Da ist ihm der Mensch doch noch sehr weit überlegen. Auch Hirnforscher sagen: Keiner weiß genau, wie unser Gehirn Bewusstsein erzeugt. Solange man das nicht weiß, kann man es auch keinem Computer beibringen. Und das finde ich total beruhigend!

5 Wie reagieren die Zuschauer auf Ihre Bühnenprogramme, in denen es um die digitale Welt geht?

Viele sind erleichtert, mein Programm über Digitalisierung ist entlastend für die Leute. Heute werden ja wahnsinnig viele Ängste geschürt, Big Brother und so. Und ich sage dann: Hey, solange ihr eure Phantasie, eure Kreativität benutzt, seid ihr jedem Großrechner überlegen! Das ist für die Leute eine positive Botschaft. Da kommt jemand – ein Wissenschaftler! – und verbreitet keine Horrornachrichten, sondern Zukunftsoptimismus.

6 Ihnen macht die Digitalisierung also keine Angst?

Naja – wenn wir irgendwann wissen, wie Bewusstsein entsteht und wie wir das einem Computer beibringen können, dann gebe ich den Skeptikern recht. Dann wird es wirklich heikel, denn dann ist die Frage: Ist eine Maschine, die versteht, was sie lernt, und sogar Emotionen hat, überhaupt noch eine Maschine? Dürfen wir sie einfach abschalten? Dann ist sie ja sowas wie ein Primat ... Aber ob wir das jemals erleben werden? Die großen Wissenssprünge kamen oft aus dem Nichts heraus. Kann sein, dass diese Frage nie gelöst wird. Kann aber auch sein, dass in drei Jahren ein kleiner Informatikstudent auf einmal die entscheidende Idee hat. Aber Angst? Nein, Angst habe ich nicht.

Ich sage immer: Hey, solange ihr eure Phantasie benutzt, seid ihr jedem Großrechner überlegen! 

Vince Ebert
Kabarettist und Physiker

 

7 Was glauben Sie – wie sieht die Welt in ein paar Jahren oder Jahrzehnten aus?

Das weiß ich nicht. Aber: Menschliche Grundbedürfnisse haben sich in den vergangenen Jahrtausenden nicht verändert. Deshalb glaube ich, dass sich eine neue Technologie nur dann durchsetzen kann, wenn sie ein menschliches Bedürfnis befriedigt. Mit den Smartphones zum Beispiel ist es heute ein bisschen wie früher im Wilden Westen: Da war ich mit dem Colt ein freier Mensch, weil ich mich verteidigen konnte. Heute laufen die Leute mit dem Smartphone rum, können damit alles machen, sich in der Stadt orientieren, Musik hören – das gibt auch ein Gefühl von Freiheit. Und deshalb ist das so ein riesiger Erfolg. Beim autonomen Fahren dagegen bin ich skeptisch, ob sich das durchsetzt: Es gibt viele Menschen, die sich einfach nicht fahren lassen wollen. Manche Technikfreaks sagen: Es wird alles geben, was technisch möglich ist. Aber ich sage: Nein. Es wird sich nur dann durchsetzen, wenn ein Großteil der Menschen sagt: Das befriedigt ein Grundbedürfnis.

8 Sie sind auch als „Mathe-Botschafter“ unterwegs. Warum das denn?

Als Botschafter für die „Stiftung Rechnen“ möchte ich jungen Leuten Lust auf Mathe und Naturwissenschaften machen. Das finde ich enorm wichtig für die Zukunft: Für fast alle großen Probleme, die wir lösen müssen, braucht man eine mathematisch-naturwissenschaftliche Ausbildung – Energie, Klimawandel, Gesundheit. Deshalb setze ich mich dafür ein.

9 Und wie sieht Ihre persönliche Zukunft aus

Ich brauche bald mal wieder eine neue Herausforderung. Mit meinem Programm über Digitalisierung trete ich mittlerweile auch auf Englisch auf. Und weil ich noch nie länger im Ausland war, werde ich Ende 2019 mit meiner Partnerin für ein Jahr nach New York gehen. Da möchte ich dann wie früher in kleinen Clubs auftreten – back to the roots quasi. Darauf freue ich mich schon sehr! |