„Aufrappeln und nach vorne schauen“

Martin Schmidt, Trainer des Fußball-Bundesligisten Mainz 05, über seine Interpretation von Stärken und stärken.


Wenn er erzählt, dann wird schnell klar: Das muss ein Typ sein, der viele Stärken hat. Der Mut mitbringt, der sich und andere motivieren kann, der seinen Weg geht, der eine klare Philosophie hat – der strikt und oft auch kompromisslos ist, wenn es um seine Überzeugung geht. So ist denn auch seine Biographie eine mit vielen Facetten und Überraschungen. Als Kind hat er Kühe gehütet auf der Schweizer Alp seines Großvaters, später dann professionell Autos getunt, als leidenschaftlicher Extremsportler hat er keine Skipiste ausgelassen, auch nicht mit dem Mountainbike. Und schon immer war er ambitionierter Fußballer, erst als Amateur, dann als Trainer in der Schweiz, jetzt in Mainz.

Bei all diesen Stichworten kommt man schnell auf das Thema Stärke. „Ich bin in meiner persönlichen Sportlerlaufbahn als Fußballer, Skifahrer und Mountainbiker sehr oft von Verletzungen ausgebremst worden, beispielsweise durch sieben Kreuzbandrisse“, erzählt der 49-jährige Schweizer. „Sich immer wieder aufzurappeln und nach vorne zu schauen, benötigt wahrscheinlich eine gewisse Form von Stärke, die mir durch meinen Ehrgeiz und meinen Optimismus aber gar nicht so schwergefallen ist.“

Martin Schmidt

Martin Schmidt wurde in 1967 in Naters in der Schweiz geboren. Auch wenn er immer im Fußball aktiv war, schlug er doch parallel einen anderen Weg ein: Er lernte Automechaniker, arbeitete beim Deutschen Tourenwagen Masters und bei Porsche, hatte seine eigene Tuning-Werkstatt.

Seine Fußball-Laufbahn begann bereits 1976 beim FC Nantes. Ab 1998 spielte er für den FC Raron, dort übernahm er später den Trainer-Posten. 2010 kam Schmidt als Cheftrainer für die zweite Mannschaft zum 1. FSV Mainz 05, im Februar 2015 übernahm er als Trainer die Mannschaft der 1. Bundesliga.

Ehrgeizig: So kennt man ihn mittlerweile auch in Rheinland-Pfalz. Martin Schmidt ist als Trainer keiner, der etwas dem Zufall überlässt. Fordert von seinem Team im Training immer maximale Leistung, macht aus jeder Übung einen Wettkampf, benotet seine Spieler und sammelt die Ergebnisse in einer Datenbank. Und er hat seine Jungs auch schon mal mit in die Alpen genommen, mit Zelt statt Hotel. „Mentale und körperliche Stärke ist für einen Profisportler essenziell wichtig, weil sie die Basis sind für die Leistungsmaximierung“, ist er überzeugt. Allerdings weiß er auch, dass „Stärke“ nicht für jeden Spieler dasselbe bedeutet – dass er als Trainer für jeden einzelnen die richtigen Hebel finden muss. „Jeder Spieler besitzt eine ganz individuelle Motivation für den Fußball mit unterschiedlichen Ausprägungen. Manche Spieler sind einfach nur Kicker mit einer kaum zu bremsenden Begeisterung für das Spiel, andere genießen die Öffentlichkeit und den Ruhm, wiederum anderen ist auch die wirtschaftliche Komponente wichtig. Die Aufgabe eines Trainers ist, diesen Kader aus 25 bis 30 Charakteren zu einer funktionierenden und harmonierenden Einheit zu formen, ohne die individuellen Ausprägungen außer Acht zu lassen.“

Stärke im Beruf bedeutet für mich, die Anforderungen im Alltag zu bewältigen, mit Erfolg und Misserfolg gleichermaßen vernünftig umzugehen. 

Martin Schmidt
Cheftrainer des 1. FSV Mainz 05

Damit das funktionieren kann, achtet Schmidt schon bei der Auswahl der Spieler auf die richtige Mischung aus verschiedenen Typen. „Wir brauchen auf dem Platz und auch abseits des Platzes keine Maschinen, sondern ein funktionierendes Teamgefüge.“ Talentiert kickende Einzelkämpfer? Nein, sagt Martin Schmidt vehement. Er weiß genau, welche sozialen Stärken er innerhalb einer Mannschaft braucht, um Erfolg zu haben. „Dies erreichst du nur, wenn du in deiner Mannschaft in der Mehrheit Bindungstypen hast, die das soziale Gefüge einer Mannschaft prägen.“ Viele Bindungstypen mit hoher Sozialkompetenz, freundlich und höflich, dazu aber auch ein Agressive Leader und Kreative: So sieht sein ideales Team aus – das sich aber immer wieder neu beweisen muss. „Wenn es am Wochenende darum geht, eine Mannschaft aufzustellen, der ich die größte Siegchance einräume, dann muss ich auch harte Entscheidungen treffen, die zwangsläufig einen Teil des Kaders nicht zufrieden stellen.“ Da wird nicht diskutiert, die Grundlage dafür hat er ja sogar schriftlich – in Form seiner Auswertungen.

1. FSV Mainz 05

Gegründet: 16.03.1905
Stadionplätze: 34.034
Mitglieder: ca. 14.000
Vereinsfarben: rot und weiß
Sportarten: Fußball, Handball, Tischtennis
Erfolge: Deutscher Meister der Amateure 1982,
Erster der Oberliga Südwest und Aufstieg in die 2. Bundesliga 1988,
Erster der Oberliga Südwest und Aufstieg in die 2. Bundesliga 1990,
Aufstieg in die 1. Bundesliga 2004 und 2009, 5. Platz in der Bundesliga 2011, aktuell sechster Platz in der Bundesliga und qualifiziert für die Euroleague 2015 / 2016

Mit dieser Strategie ist der Schweizer erfolgreich, hat in den ersten Monaten in Mainz den Klassenerhalt gesichert, es in der vergangenen Saison dann auf Platz 6 der Tabelle geschafft. Und auch da, in den höchsten Kreisen der deutschen Fußballwelt, braucht er wieder Stärke. „Stärke auszustrahlen gehört für einen Bundesliga-Trainer zum Alltag, inhaltlich und im Umgang mit der Mannschaft, aber auch in der Außendarstellung für den Verein. Stärke bedeutet für mich auch, sich freizumachen von Erwartungshaltungen seitens der Öffentlichkeit und der Medien – und den eigenen Weg mit Überzeugung weiterzugehen.“ Leicht ist das bestimmt nicht immer. Aber das erwartet ein Martin Schmidt ja auch gar nicht. Er ist schon immer seinen eigenen Weg gegangen, und offenbar hat er auch nicht vor, das so bald zu ändern. |