Wenn Wildnis Wurzeln schlägt

Peter Wohlleben beweist, dass sich Wagemut rechnet.


In der Hitze des Sommers bietet ein Wald immer Kühlung. Der Forst von Peter Wohlleben sogar noch mehr als andere: Dort, wo er Laubbäume und restliche Flora im geschützten Reservat frei wachsen lässt und kein Holz mehr schlägt, zeigt das Thermometer grundsätzlich ein paar Grad weniger als in anderen Arealen. „So viel zum Thema Wald und seine Rolle im Klimawandel“, sagt Wohlleben mit leiser Ironie in der Stimme.

Peter Wohlleben ist Förster. Sein Revier liegt im Norden von Rheinland-Pfalz und gehört der Gemeinde Hümmel. Mit seiner Familie bewohnt er einen zweistöckigen Spitzgiebelbau aus den 30er-Jahren. Retro-Forsthausromantik sollte man von dem 51-Jährigen jedoch nicht erwarten. Er gilt als Rebell, als einer, der vieles komplett anders denkt und macht als die Mehrheit seiner Berufsgenossen – und der vielleicht gerade deshalb die Gemeindekasse Jahr um Jahr mit den Einnahmen seiner Arbeit füllt, während die Mehrzahl der deutschen Forste Verluste schreibt.

Eine halbe Stunde mit Wohlleben genügt, um den Wald für immer mit anderen Augen zu sehen. Das Waldbild der Deutschen, sagt er, sei völlig verbogen. Entweder glorifiziere man knorrige Romantik à la Caspar David Friedrich oder betrachte verklärt Hektar um Hektar Fichte an Kiefer. Was wir Wald nennen, nennt Wohlleben Plantage. Eine von Menschenhand geformte künstliche Ansammlung von Nadelbäumen, die nur einem Zweck dient: der schnellen Holzproduktion und damit dem schnellen Gewinn. „Selbst der Schwarzwald war ursprünglich ein Laubwald, nur weiß das fast keiner mehr“, formuliert er in seiner ruhigen, konzentrierten Art.

Auch er habe lange Zeit „stromlinienförmige Plantagenwirtschaft“ betrieben, vor allem in seinen Anfangsjahren als junger Förster. „An der Universität“, sagt er, „wirst du darauf getrimmt, den Wald nach außen schön romantisch zu präsentieren und innen knallhart Umsatz mit Holz zu machen.“ Also hat er 1991, als er mit Hümmel sein erstes Revier antrat, brav alte Buchen gefällt, Nadelbäume gepflanzt, den Harvester eingesetzt und gegen Käfer gespritzt. Obwohl er wusste, dass Fichten eigentlich in der Kühle Skandinaviens heimisch sind und auf das gemäßigte deutsche Klima mit Krankheiten reagieren, dass etliche heimische Vögel nicht in ihnen nisten können und sie bei Sturm leichter umknicken als Laubbäume. „Du arbeitest nicht mit, sondern gegen Wald und Natur“, hat er damals immer öfter gedacht.

Eine Reise in die Schweiz, nach Couvet im Jura, wo bereits 1890 der Förster Henri Biolley einen Plenterwald eingerichtet hat, ermutigte ihn, einen anderen Weg einzuschlagen. Im Wald von Couvet wachsen heimische Bäume jeden Alters. Der Forst ist nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich ein Erfolg. Genauso will ich auch arbeiten, entschied sich Wohlleben und überzeugte die Hümmeler.

Wohllebens Vorstellung eines echten Waldes lässt sich schon an etlichen Plätzen seiner 1.200 Hektar großen Revierfläche erleben: Buchenmutterbäume stehen dort, umgeben von ihren Schösslingen. Der Boden ist locker und feucht, sodass man ohne Kraftanstrengung die Hand tief in die Erde eingraben kann. Damit das so bleibt, hat er dort, wo er noch im Wald arbeitet, Harvester verboten. Die tonnenschweren Maschinen würden den Waldboden metertief verdichten, das Speichern von Wasser so jahrelang unmöglich machen. Forstarbeiter fällen deshalb von Hand Bäume, die Pferde dann an den Wegrand ziehen.

Das Waldbild der Deutschen ist völlig verbogen. 

Peter Wohlleben
Förster

Quadratmeter für Quadratmeter überlässt Wohlleben langsam der Natur ihren Raum. Bereits in rund 15 Prozent des Hümmeler Forstes greift er überhaupt nicht mehr ein. Als Förster hat er einen langen Atem und Demut kultiviert: Rund 18 Jahre braucht eine Buche, um 40 Zentimeter zu wachsen. „Der Anteil alter Buchenwälder in Deutschland liegt derzeit bei knapp einem Promill“, so Wohlleben. Er pflanzt dagegen an. Wenn alles gut läuft, dann werden in rund 500 Jahren Menschen einen Urwald erleben können, dessen Wurzeln Wohlleben heute wachsen lässt.

Wer mit Wohlleben spricht, lernt einen leidenschaftlichen Pragmatiker kennen, keinen abgehobenen Ökokrieger. Er will Natur und Mensch gerecht werden. Längst erwirtschaftet er einen Teil seines Gewinns, ohne auch nur einen Baum zu holzen. Im Hümmeler Forst können sich Unternehmen ökologisch engagieren, indem sie unter Schutz gestellte Buchenwälder fördern. Manager und Schulklassen bezahlen dafür, dass sie im Rahmen von Workshops Natur und Stille erfahren und Blockhütten bauen. Außerdem haben sich schon mehr als 8.000 Menschen einen Grabplatz im Ruheforst gesichert. Und er schult die nächste Generation, die Praktikanten, Studenten und Absolventen, die mit ihm zusammen arbeiten und von ihm lernen. „Wenn nicht eine so reiche Industrienation wie wir es sich leisten kann, moralisch zu handeln, wer dann?“, lautet Peter Wohllebens Frage zum Schluss. Für sich hat er sie längst beantwortet. |