Ein Nachfolger wird Vordenker

Juwelier Jan Willenberg-Sebastian führt einen Familienbetrieb in vierter Generation.


Mit drei Jahren hat er in der Goldschmiede seiner Mutter „Glitzersteinchen“ gesucht. Tand, den sie für ihn in Bodenritzen versteckte und der dem Kind doch so teuer war wie Diamanten. Als Grundschüler funktionierte er dann in der Werkstatt der Uhrmacher zartes Räderwerk zu Kreiseln um und bekam prompt Hausverbot. Jan Willenberg-Sebastians Erinnerungen an seine Kindheit sind voll mit Geschichten aus dem Juwelierladen, den seine Familie seit 1905 in Mainz führt. Er selbst wurde 2001 Gesellschafter. Letztes Jahr überschrieb seine Mutter Edith dann den Betrieb voll auf ihn.

Folgt Junior auf Senior, bedeutet das Weitergeben und Loslassen, Annehmen und Abnabeln im Doppelpack. Es ist ein fragiler Moment für Beziehungen und Bilanzen.

Die zwei Willenbergs gaben sich gegenseitig Raum und Respekt. Von seiner Mutter, erinnert sich der Sohn, ging 2001 das klare Signal aus: Ich möchte nicht mehr Chefin sein, ich will wieder kreativ arbeiten und jetzt die Frage klären, wie es weitergeht. Knapp 57 Jahre alt war sie damals und erfolgreiche Geschäftsfrau in einer Männerdomäne.

Jan Willenberg-Sebastian hatte bereits mit 16 Jahren regelmäßig in der Goldschmiede und dem Laden gearbeitet. Seine Mutter hatte dem Schüler das Taschengeld gestrichen, er sollte es sich verdienen. Nach dem Abitur und dem Zivildienst legte er die Vorprüfung zum Goldschmied ab, studierte danach BWL. Den Rat der Mutter, dass Kreativität nicht ohne Geschäftssinn und -verstand überleben kann, hatte er angenommen. 

Weggehen, um anzukommen, war für mich das Beste. 

Jan Willenberg-Sebastian
Inhaber Juwelier Willenberg

Seine Biografie hätte leicht enden können als „Sohn von“. Doch weder Jan noch Edith Willenberg-Sebastian sind für Klischees zu haben. Also zog der Junior Ende der 90er-Jahre los, nicht weit weg, aber weit genug, nach Frankfurt an den Main. „Was kann ich wirklich, wie sieht’s bei anderen aus, was kann ich da lernen, das war meine Motivation“, sagt er heute über diese Jahre. Als er 2001 nach Mainz zurückkehrte, konnte er gereift Mitarbeitern begegnen, die ihn teilweise noch aus dem Kindergarten abgeholt hatten. Auch die Lieferanten respektierten die Erfahrungen, die der junge Geschäftsmann unter anderem bei Wempe und H. Stern gesammelt hatte.

Gemeinsam gingen er und seine Mutter zu Banken, um sie mit ihrer Reputation und seinem Businessplan davon zu überzeugen, in die Weiterentwicklung und Modernisierung des Traditionshauses Willenberg zu investieren. Die Fördermittel und Kredite, unter anderem auch von der ISB bewilligt, flossen in den Umbau und die Modernisierung des Betriebs und in neue Kollektionen.

Er gestaltet das Unternehmen neu, sie gestaltet in der Goldschmiede einzigartigen Schmuck und hält sich im Hintergrund. Seine Mutter sei eine Frau, sagt der Mittvierziger Jan Willenberg-Sebastian, die berät, ohne vorzuschreiben, eine Sparringspartnerin, im Notfall auch ein Kummerkasten. Bei allem Wandel hält er an einer Regel fest: Qualität und Beratung sind ihm wichtiger als Verkaufen um jeden Preis. Was er von seiner Mutter geerbt hat? Vertrauen in die Mitarbeiter und ihr Können und die Verbundenheit zu Mainz. „Vor allem aber Seelenstärke.“ |