Alles kann und nichts muss

Eine Seniorenpension setzt Standards.


In einem der stillsten Winkel des Hunsrücks liegt die 458 Einwohner zählende Ortsgemeinde Bell. Felder und Wälder bis zum Horizont, ein gelbgrünes Landschaftsmuster, unterbrochen von kleinen Siedlungen. Auf den ersten Blick mag Bell kein Ort für Neuanfänge und Freiräume sein, aber innovative Existenzgründer haben hier ihre unternehmerische Heimat gefunden. Thomas Scholz ist einer von ihnen.

Scholz hat hier vor rund acht Monaten die „Seniorenpension Bell – Haus Elvira“ eröffnet. Kein Hotel für „Best Ager“ wie der Name vermuten lässt, sondern ein Haus, in dem ältere Menschen in Ruhe und Würde ihren letzten Lebensabschnitt selbstbestimmt gestalten können. Was er und sein Team in Bell realisieren, zählt zu den modernsten Ansätzen im Bereich der Wohnformen für Senioren, die in Deutschland derzeit existieren.

Hinter der hellen Fassade eines modernen Einfamilienhauses mitten im Ortskern von Bell wohnt eine Gemeinschaft von maximal neun Senioren, die in ihrem Alter nicht mehr allein leben können oder wollen. Scholz hat das Haus im November 2013 eröffnet, nachdem er es gekauft, renoviert und saniert hat, unterstützt durch einen Gründerkredit der ISB.

Ich will so pflegen, wie ich selbst gepflegt werden möchte. 

Thomas Scholz
Inhaber Seniorenpension Bell

Der 48-Jährige hat fast sein ganzes Berufsleben als Pflegekraft in stationären Pflegeeinrichtungen gearbeitet, die letzten Jahre mit steigender Frustration. Unter der „kranken Gesundheitspolitik“, sagt er, würden Gepflegte und Pfleger gleichermaßen leiden. Dokumentation hat einen höheren Stellenwert und menschliche Zuwendung sei kaum noch möglich, in einem System, das Zeit mit Geld gleichsetzt und für jeden zwischenmenschlichen Kontakt ein knappes Minutenbudget vorgibt. „Ich wollte mich verwirklichen, ein Stück Berufung leben, denn ich liebe meine Arbeit.“

Also hat er innerhalb der letzten Jahre berufsbegleitend noch einmal die Schulbank gedrückt, bevor er sich selbstständig gemacht hat. Er hat sich in verschiedenen Bereichen fortgebildet, unter anderem Schulungen für Musiktherapie, Demenz und Pflegedienstleitung besucht, ist nach den Nachtschichten im Unterricht fast eingeschlafen und hat doch alle Weiterbildungen erfolgreich abgeschlossen. Das Gelernte dient ihm jetzt als Basis für sein Konzept. Die Musik- und Tiertherapie bietet er in seiner Einrichtung an.

Er hat das Haus sprichwörtlich geöffnet, es eng mit dem Ort und den umliegenden Gemeinden vernetzt. Regelmäßig besuchen Kindergartenkinder, Frauengruppen und unterschiedliche Vereine die Senioren. Der große Garten bietet Freiraum für Entspannung und Aktivität. Haustiere sind willkommen. Hobbys werden gepflegt und die Senioren in Alltägliches eingebunden. „Wohnen und teilhaben – gemeinsam Leben“ lautet der Grundsatz der Pension. „Wir haben grundsätzlich nichts Neues erfunden, aber Selbstverständliches umgesetzt, und sicherlich macht unser Konzept in Zukunft Schule.“ |