Ohne Plastik: Ein Experiment

Schokoriegel und Schlagsahne, Milch und Müsli: In unseren Supermärkten ist so gut wie alles in Kunststoff eingepackt. Kann man das überhaupt umgehen? Man kann – hat Familie Koss aus Bodenheim bei Mainz festgestellt. Und was als Experiment für eine ZDF-Sendung begann, hat ihr ganzes Leben verändert, erzählt Rebecca Koss.


WURZELN

1 Wie kam es zu der Sendung?

Wir wurden von einer ZDF-Redakteurin gefragt, ob wir bei einem Experiment mitmachen möchten: vier Wochen so plastikfrei wie möglich leben, um die Auswirkungen auf die Gesundheit zu testen. Mein Mann war sofort begeistert, er ernährt sich sowieso sehr gesund und arbeitet bei einer Nachhaltigkeitsbank. Die Kinder und ich fanden das auch spannend, also haben wir mitgemacht.

2 Wie haben Sie vorher gelebt?

Naja, wie eine normale Familie eben lebt. Wir haben schon versucht, wenig Plastiktüten zu nutzen und mal auf dem Markt einzukaufen. Milch haben wir sowieso immer aus dem Automaten direkt beim Bauern geholt. Aber natürlich gab es bei uns auch mal schnell etwas zu essen und viele verpackte Sachen. Das ist ja mit drei Kindern auch praktisch.

3 Und wie war Ihre Einstellung?

Ich habe gedacht: Was kann ich allein denn überhaupt bewirken? Aber schon am Anfang des Experiments, als ich die ersten Werte der Urintests gesehen habe, hat mich das erschreckt. Wir alle hatten viele Weichmacher im Körper. Dass sich so viele Stoffe ansammeln, das habe ich nicht gewusst.

STANDPUNKTE

4 Sie haben vier Wochen so plastikfrei wie möglich gelebt. Wie haben Sie angefangen?

Der Anfang war schon aufwändig. Wir haben gemeinsam mit einem Experten alles besprochen und weggeräumt, was in Kunststoff verpackt war – Mayonnaise, Tuben, Konservendosen. Und wir haben Brotdosen und Trinkflaschen aus Metall gekauft, das hat für die ganze Familie schon einige hundert Euro gekostet. Uns war vorher nicht bewusst, dass auch Dosen und Flaschen aus Kunststoff kontinuierlich Weichmacher abgeben.

5 Wie lief es dann während der Zeit?

Man muss schon morgens überlegen, was man später einkaufen will – und gleich den richtigen Korb, die richtigen Gemüsebeutel, Metalldosen und die Brottasche mitnehmen. Außerdem Wachs­tücher, um damit Wurst und Käse von der Theke einzupacken. So viel wie möglich haben wir in Gläsern gekauft, Joghurt und Sahne zum Beispiel. Und wir sind oft in den Unverpackt-Laden in Mainz gegangen. Wir haben gelernt: Man muss auf fast nichts verzichten, aber ganz einfach ist es auch nicht.

6 Und das Ergebnis?

Am Ende wurden wir nochmal getestet – all unsere Werte hatten sich extrem verbessert. Das hat uns allen klargemacht: Wir wollen etwas ändern, auch über die Fernsehsendung hinaus.

Wir haben gelernt: Man muss auf fast nichts verzichten, aber ganz einfach ist es auch nicht. 

Rebecca Koss

 

 

Die Familie

Rebecca und Florian Koss leben mit ihren drei Töchtern (14, 12 und 7) in Bodenheim bei Mainz. Sie arbeitet bei der Caritas, er bei einer Nachhaltigkeitsbank.

Das Experiment

Für die Sendung PUR+ im ZDF hat Familie Koss vier Wochen lang ein plastikfreies Leben getestet. Ziel war es herauszufinden, wie sich Plastik aus Lebensmittelverpackungen auf den Körper auswirkt. Dazu wurden am Anfang und am Ende Urinproben auf sieben Weichmacher getestet. Das Ergebnis: In den vier Wochen haben sich die Werte bei allen Familienmitgliedern drastisch verbessert.

Die Sendung ist zu finden unter:
www.zdf.de

AUSBLICK

7 Das Experiment ist ja längst vorbei. Wie leben Sie heute?

Sehr vieles haben wir beibehalten – einfach, weil uns die Test- ergebnisse so überzeugt haben. Wir versuchen weiterhin, so gut wie möglich auf Plastik zu verzichten. Wir backen zum Beispiel oft selbst, machen unser eigenes Popcorn. Dass es sehr viel teurer ist, stimmt übrigens nicht – wir kaufen bewusster und dadurch auch weniger ein. Das Ganze hat übrigens auch den Vorteil, dass wir viel weniger Plastikmüll haben als vorher.

8 Hat die Corona-Krise Auswirkungen auf Ihren Plastikverzicht?

Ja, leider. Es ist schwieriger geworden, denn die Geschäfte nehmen zurzeit keine mitgebrachten Behälter für Käse und Wurst an, und die Warteschlangen an den Theken sind oft auch sehr lang. Wir kaufen also jetzt leider wieder mehr Lebensmittel in Plastikverpackungen, weil es kaum anders geht. Wir möchten aber gerne zu unserem plastikfreien Leben zurückkehren, sobald es geht. Generell finde ich es erschreckend, wie wenig Raum das Umweltthema jetzt in der Krise hat – es wird viel mehr bestellt, alles in Plastik verpackt verschickt, und vielen scheint das egal zu sein. Diese Plastikflut ärgert mich sehr.

9 Und wie sind Ihre Zukunftspläne?

Mein Mann und ich würden gerne einen eigenen Unverpackt-Laden eröffnen. Als ich Anfang des Jahres mit dem Bürgermeister von Bodenheim über diese Idee gesprochen habe, war er begeistert – und erzählte, dass kurz vorher eine andere Frau mit ähnlichen Plänen bei ihm war. Wir haben uns getroffen und wollen den Laden jetzt zusammen gründen. Leider haben wir immer noch keine passende Immobilie gefunden, und durch die Corona-Krise verzögert sich alles. Aber ich hoffe, dass wir unsere Pläne möglichst bald umsetzen können! |