Mehr als Science-Fiction

Wohnen der Zukunft? Das klingt für viele nach Sensoren und Smart Home. Und das könnte auch so sein, sagt Prof. Dr. Annette Spellerberg von der Universität Kaiserslautern – allerdings ist das längst nicht alles: Auch neue Wohnformen und die eigene Energieerzeugung gehören zur Zukunft in unseren Dörfern und Städten.


Ein Kühlschrank, der weiß, ob noch Käse da ist und Milch? Und wenn nicht, alles gleich nachbestellt? „Das ist und bleibt das ewige Klischee“, sagt Annette Spellerberg. „Dieser Kühlschrank war immer das Paradebeispiel für Smart Home, er hat sich aber nie durchgesetzt – er wird einfach nicht gebraucht und gewollt von den Menschen.“ Das heißt aber nicht, dass die Wissenschaftlerin keine Chancen in der häuslichen Digitalisierung sieht, ganz im Gegenteil. Wenn smarte Angebote dem Bedürfnis der Menschen entsprechen und ihnen das Leben erleichtern, dann haben sie sogar sehr viel Zukunft, davon ist die Professorin für Stadtsoziologie überzeugt. Ihre Kolleginnen und Kollegen an der TU Kaiserslautern haben schon vor Jahren ein smartes Assistenzsystem namens PAUL entwickelt, das vor allem ältere Menschen zu Hause unterstützt – bei Gesundheit und Sicherheit, Komfort und Kommunikation. „Sensoren registrieren zum Beispiel, wenn sich der Bewohner in der Wohnung über einen vorher definierten Zeitraum nicht bewegt. Dann wird wie beim Hausnotruf das Rote Kreuz verständigt und jemand fragt nach“, erklärt Annette Spellerberg. „Kommt keine Antwort, dann wird Hilfe geschickt.“ Und PAUL kann noch viel mehr – das Licht in der Wohnung zentral ein- und ausschalten, in Verbindung mit einer Türkamera Besucher erkennen, den Speiseplan von „Essen auf Rädern“ anzeigen. Ein Kalender mit Erinnerungsfunktion kann ebenso eingebunden werden wie ein digitales „Schwarzes Brett“, über das sich Bewohner einer Anlage austauschen und verabreden können. 

Prof. Dr. Annette Spellerberg

hat eine Professur für Stadtsoziologie an der Technischen Universität Kaiserslautern, sie war 2014 bis 2017 Dekanin des Fachbereiches Raum- und Umweltplanung. Schwerpunkte ihrer Arbeit liegen in der Sozialstrukturanalyse und Lebensstilforschung sowie im Bereich Wohnen und Nachbarschaft.

Solche Angebote seien allerdings nur ein Teil dessen, was Wohnen der Zukunft ausmacht, sagt die Wissenschaftlerin. Grundlegend wichtig sei es, die Wohnungen optimal nutzen zu können – dazu zählt, Wohnungen barrierefreier zu gestalten, damit ältere Menschen so lange wie möglich selbstständig in den eigenen vier Wänden leben können. Zwar gebe es viele Angebote, etwa durch breitere Türen, seniorenfreundliche Badezimmer, Rampen und Aufzüge mehr bedarfsgerechte Wohnungen zu schaffen, jedoch seien es noch viel zu wenige. Eine große Hürde sind ihrer Meinung nach die Anträge auf Förderungen, von der sich viele Menschen überfordert fühlen: „Es gibt ja viele Hilfsangebote, zum Beispiel die Finanzierung von Umbauten. Aber: Es müsste deutlich einfacher werden, die richtigen Möglichkeiten zu finden. Es wäre gut, alle Informationen zu bündeln und in einfacher Sprache anzubieten, damit für alle verständlich wird, was geht und was nicht.“   

Neben der Barrierefreiheit wird auch der Energiesektor eine große Rolle beim Wohnen der Zukunft spielen, davon ist Annette Spellerberg überzeugt. „Dabei geht es nicht nur um das Dämmen, sondern auch um das Baumaterial und das Recycling: Was ist ökologisch sinnvoll? Vor allem aber geht es um die Energiegewinnung: Ich vermute, dass in 30 Jahren die Energie von den Häusern selbst zur Verfügung gestellt wird.“ Schon heute gibt es Windräder für die Stadt und kleine Solaranlagen: „Diese Techniken werden sich wohl stark weiterentwickeln, da sehe ich große Chancen bei der Veränderung des Energiemarktes.“ 

Schon heute möchten viele Menschen gemeinschaftlich wohnen – nicht unbedingt mit der eigenen Familie über mehrere Generationen, sondern in einer Nachbarschaft mit Gleichgesinnten, mit denen sie etwas unternehmen können. 

Prof. Dr. Annette Spellerberg
Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie

 

Und wie werden Menschen in Zukunft zusammenleben? Neue Wohnformen werden immer gefragter: „Schon heute möchten viele Menschen gemeinschaftlich wohnen – nicht unbedingt mit der eigenen Familie über mehrere Generationen, sondern in einer Nachbarschaft mit Gleichgesinnten, mit denen sie etwas unternehmen können“, weiß Annette Spellerberg. Sie hat das genossenschaftliche Wohnen in Publikationen immer wieder thematisiert und ist sich sicher, dass der Bedarf in Zukunft noch steigen wird. Für besonders erfolgreich hält sie das Zusammenleben in relativ homogenen Gruppen: „Wenn Menschen sich sozial nahe sind, haben auch die Nachbarschaften großes Potenzial – also Menschen aus der gleichen Lebensphase mit gleichem Lebensstil und gleichem Wertehintergrund. Da passiert mehr in der Nachbarschaft, als wenn man nur räumlich nahe zusammenwohnt.“ Allerdings hält sie die Gründung von gemeinschaftlichen Wohnprojekten für sehr kompliziert, sie wünscht sich einfachere Lösungen: „Wenn solche Wohnformen mit Gemeinschaftsräumen auf dem normalen klassischen Wohnungsmarkt angeboten würden, wäre die Nachfrage sicherlich groß“, so Spellerberg. „Es wäre schon geholfen, wenn die großen Wohnungsbauunternehmen eine kleine Genossenschaft und Wohnprojekte Huckepack nehmen und zumindest den Bau übernehmen würden.“ 

Wenn solche gemeinschaftlichen Wohnformen dann noch durch digitale Möglichkeiten wie PAUL unterstützt würden, umso besser. „Es geht immer darum, Angebote zu machen, die den Bedürfnissen der Menschen entsprechen. Wer braucht was? Was erleichtert den Alltag? Wenn das räumliche, ehrenamtliche, nachbarschaftliche oder bauliche Angebote sind, gut. Wenn es Sensoren sind, die älteren Menschen helfen, auch gut. Oder Apps, über die Nachbarn gemeinsame Aktivitäten oder das Einkaufen organisieren.“ Nicht weil es möglich ist – sondern weil es den Menschen wirklich etwas bringt. Im Gegensatz zum smarten Kühlschrank, der immer noch auf Bestellungen wartet. |