»Immer wieder Gänsehaut«

Kultur bedeutet für viele Genuss pur. Aber wie sieht das aus bei jemandem, der ohnehin den ganzen Tag mit Kultur zu tun hat? Markus Müller, Intendant des Staatstheaters Mainz, verrät, ob er sich als Zuschauer entspannen kann, warum er am liebsten joggend arbeitet und was seine einzige Sehnsucht ist.


1 Was bedeutet für Sie Genuss?

Für mich gibt es verschiedene Formen von Genuss – die Gesellschaft von angenehmen Menschen, die Natur, auch mal ein gutes Glas Wein. Und ich habe sehr viele genussvolle Momente am ­Theater.

2 Ist Theater für Sie nicht vor allem Arbeit?  

Ich genieße es, dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte. Theater fühlt sich für mich nicht an wie Arbeit, von der ich den Genuss abgrenzen muss. Es entstehen viele Genussmomente: Wenn ich nach all der Vorbereitung bei der Premiere erlebe, wie alles zusammenkommt, ist das natürlich ein großer Genuss. Ich gehe dann grundsätzlich erst einmal hinter die Bühne und gratuliere den Künstlern auf der Bühne, dem Regieteam und allen Beteiligten hinter den Kulissen. Man liegt sich in den Armen und freut sich, es fällt eine große Last ab.

3 Welche Momente am Theater genießen Sie noch?  

Manchmal gehe ich abends aus dem Büro zwischendurch leise hinten in den Zuschauerraum und schaue mir bestimmte Teile einer Aufführung ganz gezielt nochmal an. Einige Vorstellungen besuche ich auch so oft wie irgend möglich in voller Länge. Manche ­Produktionen berühren mich so sehr, dass ich immer wieder eine Gänsehaut bekomme oder dass ich bei einer Tanzproduktion quasi mitfliege.

Etwas ganz naiv und entspannt ansehen kann ich allerdings selten, auch nicht in anderen Theatern – das hat sich in den Jahren verflüchtigt. Man hat immer den Blick als Theatermensch, analysiert die ganze Zeit: Warum haben die das so gemacht? Was funktioniert und was nicht? Wie hätte man es anders umsetzen können? 

Ich habe Freude daran, Neues zu entdecken – kulinarisch, aber auch bei Landschaften und Menschen. 

Markus Müller

4 Sie sagten, Sie genießen die Natur. Was mögen Sie besonders?

Ich liebe die Berge und das Wasser. In den Bergen gehe ich gerne mit Freunden auf größere Touren, weil es mir guttut, den Blick zu weiten, richtig tief zu atmen, den Körper zu fordern und zu spüren. Am Wasser kann ich gut entspannen. Ich habe ein uraltes Motorboot, mit dem ich gerne mit Freunden auf eine Insel fahre, ich schwimme auch gerne – selbst im Rhein.

5 Gibt es Orte hier in der Region, an denen Sie sich besonders wohl fühlen?

Die ganze Gegend ist toll, in jeder Richtung ist es schön. Mit dem Boot fahre ich immer mal auf die Rettbergsaue oder zum Gut ­Langenau. Ich mag es, mich ans Wasser zu setzen, einen Text zu lesen oder ein gutes Gespräch bei einem Glas Wein zu führen. Ich gehe gerne in den Weinbergen spazieren – das mache ich auch mal mit Kollegen, um über Konzepte und Stoffe zu sprechen, und ich bin gerne in Weinstuben und im „Bootshaus“. Ich habe also durchaus ein paar Lieblingsorte, bin aber nicht der Campingplatz-Typ, der immer an den gleichen Ort zurückkehrt. Ich habe Freude daran, Neues zu entdecken – kulinarisch, aber auch bei Landschaften und Menschen.

6 Apropos kulinarische Genüsse: Wie wichtig ist Ihnen das Essen?

Ich esse unheimlich gerne, ich komme nur oft nicht dazu, das ist dann aber auch kein Problem. Heute zum Beispiel sind Frühstück und Mittagessen ausgefallen, weil ich keine Zeit hatte. Heute Abend werde ich aber auf jeden Fall noch mit meiner Tochter ­essen. Wir werden mit Leidenschaft die Schnitzel klopfen und ­panieren, dazu Pommes frittieren. Nicht gesund, aber lecker! Auch beim Essen probiere ich immer gerne Neues aus. 

Markus Müller

Markus Müller ist seit 2014 Intendant und Geschäftsführer des Staatstheaters Mainz – unter seiner Leitung sind die Besucherzahlen des Hauses stetig angestiegen. Müller wurde 1973 in Kempten im Allgäu geboren, spielte als Jugendlicher Theater und führte schon vor dem Abitur Regie. Bevor er nach Mainz kam, war er an den Theatern Mannheim und Oldenburg in der Intendanz tätig.

7 Brauchen Sie manchmal auch Entspannung – und wenn ja, wie sieht das aus?

Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich von der vielen Zeit, die ich im Theater verbringe, erholen müsste. Ich empfinde vieles von dem, was ich tue, nicht als Arbeit. Das ist natürlich ein großes Privileg. Ich kann mich nur an einen einzigen Tag in meinem ­Berufsleben erinnern, an dem ich keine Lust hatte hinzugehen. Und dann bin ich auch nicht hingegangen.

Was ich gerne mache: Ich treffe mich mindestens zweimal in der Woche mit dem Künstlerischen Betriebsdirektor und dem Tech­nischen Direktor des Theaters zu einem Lauf-Jour-fixe – statt im Büro zu sitzen, joggen wir eine gute Stunde an Rhein und Main entlang und besprechen alles Wichtige. So bleibt man gesund und ist in der Natur. Das ist super, das möchte ich nie missen. Das darf auch nicht ausfallen, das kann man nur verschieben.

Natürlich freue ich mich auch mal, wenn ich im Sommer eine Weile kein Theater sehe, aber dann ist es auch wieder sehr gut, zurückzukommen. Das ist ein großes Glück, wenn alle nach den Ferien  zusammenkommen und ich gut 300 Kolleginnen und Kollegen aus 34 Nationen wieder begrüßen darf, gemeinsam daran zu arbeiten, gutes und relevantes Theater zu machen.

8 Was wird Ihr Publikum in nächster Zeit genießen? 

Derzeit haben wir „LJOD – Das Eis“, eine Trilogie von Sorokin im Programm, die fast fünf Stunden dauert. Das ist die größte Schauspielproduktion, die wir jemals gemacht haben, ein heftiger, kraftvoller Theaterabend. Was auch richtig genussvoll sein wird: die Oper „Die Liebe zu drei Orangen“ von Prokofjew – das ist ein toller Stoff, augenzwinkernd, aber nicht banal, lustig und gleichzeitig tiefgründig.

9 Was würden Sie sich selbst gerne mal gönnen? 

Ich habe das Glück, dass ich viele Freiheiten habe und das machen kann, was mir wichtig ist. Da gibt es nichts auf der Sehnsuchtsliste. Außer eines vielleicht: Ich muss mal wieder ausschlafen. |