Hühnereier aus Gusseisen

Vertrauen in Tradition und Innovation: Die Gießerei Heger setzt auf uraltes Handwerk, auf eine weltweit einzigartige Fabrik – und auf ein ungewöhnliches Personalkonzept.


Das Stück Metall hat es hoch hinaus geschafft. Eigentlich hätte es als Motorhaube eines Autos enden sollen – doch beim Zuschnitt fiel es ab, wurde nicht mehr gebraucht, dann als wertvoller Abfall verkauft und landete schließlich im Schmelzofen der Gießerei Heger. Jetzt dient es, in Form gegossen mit anderem Metallabfall, in bis zu 150 Metern Höhe als Rotornabe eines Windrads. Satte 30 Tonnen wiegt dieses Bauteil insgesamt, das sind 30.000 Kilogramm – und dennoch sei so eine Nabe eigentlich ein Leichtgewicht, sagt Johannes Heger: „Ich vergleiche sie gern mit einem Hühnerei: Die Wand der innen hohlen Rotornabe ist im Verhältnis ungefähr so dick wie die Schale von einem Ei.“

Wir haben sie gut geschult, aber natürlich war auch viel Vertrauen nötig, unser innovativstes Projekt in ihre Hände zu geben. 

Johannes Heger
Inhaber Heger Gruppe

Heger ist Inhaber und Geschäftsführer der Heger Gruppe in der Pfalz – sein Urgroßvater hat 1902 den Grundstein für die Firma gelegt: Er konnte damals günstig eine alte Ziegelei übernehmen, die dank einer Dampfmaschine über elektrischen Strom verfügte. Daraus baute er die erste Gussfabrik Heger auf, stellte aus geschmolzenem Eisen Herde und Wendeltreppen her, später auch Gehäuse für Schiffsdieselmotoren. Seine Söhne produzierten zwischenzeitlich ganze Maschinen, etwa für Metzgereien oder für Keltereien – heute gehört Heger zu den führenden Unternehmen im Bereich Eisenguss. Produziert werden maßgeschneiderte Teile, die Kunden aus aller Welt in ihre eigenen Maschinen integrieren – so gehen tonnenschwere Motorblöcke für Lokomotiven schon mal in die USA, ebenso Getriebeteile für riesige Tagebau-Fahrzeuge.

Ein Schwerpunkt, auch im Wortsinne, liegt heute beim Guss für die Windkraftindustrie. Eigens für die Produktion der Rotornaben, an denen später die Rotorblätter befestigt werden, hat Johannes Heger mit Unterstützung der ISB im Jahr 2009 eine Großinvestition gewagt: „Um in diesem Markt zu wachsen, brauchten wir eine neue Fabrik. Dazu haben wir ein Konzept entwickelt, das bis heute weltweit einzigartig ist in der Gießerei-Branche: eine runde Fertigungshalle.“ Dort seien die Arbeitsabläufe optimal: „Normalerweise gehen die Mitarbeiter nacheinander zum Objekt und arbeiten daran. Das führt aber dazu, dass man sich ständig in die Quere kommt.“ In der runden Halle dagegen wird das Werkstück über ein eigens entwickeltes Transportsystem von einem Arbeitsschritt zum nächsten bewegt. „Das hat sich absolut bewährt, wir würden es jederzeit wieder so machen.“ Und bewährt hat sich auch ein ungewöhnliches Personalkonzept: Da Johannes Heger für die neue Fertigung in kürzester Zeit 50 zusätzliche Mitarbeiter brauchte, hat er Langzeitarbeitslosen eine Chance gegeben. „Wir haben sie gut geschult, aber natürlich war auch viel Vertrauen nötig, unser innovativstes Projekt in ihre Hände zu geben. Und es hat sich gelohnt: Auch heute – fast neun Jahre nach dem Start – sind 38 von ihnen noch bei uns, weitere 65 sind inzwischen dazugekommen.“

Der Erfolg gibt ihm Recht: Keine Gießerei in ganz Europa stellt heute mehr Rotornaben her als Heger. Und auch sonst setzt der 51-Jährige auf Innovationen im Gießerei-Handwerk, so werden seine Mitarbeiter schon mal über Datenbrillen angeleitet – etwa dabei, eine bestimmte Rotornabe herzustellen. Eine, die dann irgendwann in über 150 Metern Höhe schweben wird, tonnenschwer und doch leicht wie ein Hühnerei. |