Die Weinbergwolke

Software für den Weinberg? Wer braucht denn sowas? Hat der eine oder andere Winzer zuerst auch gedacht. Aber nur kurz: Heute sind sie begeistert von der „Vineyard Cloud“ – der Entwicklung eines jungen Norddeutschen, der in der Pfalz seine neue Heimat gefunden hat.


Man versteht die Idee auf einen Blick. Auf dem Bildschirm ist eine Luftaufnahme zu sehen, darauf mehrere Dutzend blauer Streifen. „Jeder einzelne zeigt eine Parzelle desselben Weinguts, einen sogenannten Schlag. Die Schläge sind weit verstreut, manche bestehen nur aus zwei Zeilen“, erklärt Marcel Sambale-Lergenmüller. „Da kann man sich vorstellen, wie schwierig es ist, den Überblick zu behalten.“ Genau das hat er am eigenen Leib erlebt. Mit Wein kannte sich der Osnabrücker zwar aus, hatte als Hotelfachmann und Sommelier Fachkenntnisse erworben. Dann heiratete er in eine Pfälzer Winzerfamilie ein – und wurde vom Schwiegervater in den Weinberg geschickt. „Er sagte mir: ‚Den Weg hoch, dann links in den Feldweg, dann kommt ein großer Weinberg, dann ein kleiner, dann nochmal rechts.‘ Nach einer halben Stunde habe ich ihn angerufen und gefragt: ‚Wo soll ich nochmal hin?‘“ 

So geht es vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, gerade wenn sie neu sind. Dabei ist es das eine, Wege und Schläge zu  finden – das andere ist zu wissen, was genau zu tun ist. Wo wurden schon Pflanzenschutzmittel aufgetragen? Wo soll als Nächstes gemulcht werden? Wo fängt der Weinberg des Nachbarn an? „Das sind Fragen, die jeden Tag im Weinberg aufkommen. Es werden ja oft Saison-Arbeitskräfte eingesetzt, die sich nicht genau auskennen.“ 

Am Anfang hat er gesagt: Sowas brauche ich nicht. Als er dann die Möglichkeiten gesehen hat, wollte er es doch – heute ist er begeistert. 

Marcel Sambale-Lergenmüller über seinen Schwiegervater
Gründer der Firma Vineyard Cloud GmbH

Marcel Sambale-Lergenmüller hat diese Probleme nicht nur erkannt, sondern gleich gelöst. Ende 2016 hat er mit Unterstützung der ISB sein Start-up Vineyard Cloud gegründet. In der einfachsten Version seiner App werden die einzelnen Schläge eines Weinguts mit Hilfe der Koordinaten, die es in Rheinland-Pfalz beim Katasteramt gibt, auf einer Karte markiert – „besser ist es allerdings, wenn wir die Nettofläche jedes Schlags vor Ort genau ausmessen, weil GPS nicht auf den Meter genau ist“. Nach dieser Vorarbeit ist das System sofort einsetzbar: Auf einer Karte am PC markiert die Produktionsleitung, welche Aufgaben von wem zu erledigen sind. Die Beschäftigten im Weinberg können über ihre Smartphones abrufen, was sie tun sollen und wo der Schlag ist, in dem sie als Nächstes arbeiten sollen. 

Der Schwiegervater von Marcel Sambale-Lergenmüller hat das System als Erster auf Herz und Nieren getestet. „Am Anfang hat er gesagt: Sowas brauche ich nicht. Als er dann die Möglichkeiten gesehen hat, wollte er es doch – heute ist er begeistert“, erzählt der Jungunternehmer. „Und das hat sich für ihn gelohnt: Gleich in der ersten Saison mit der Cloud waren die Arbeiten für die Lese eineinhalb Wochen früher fertig als sonst, man kann also wirklich Geld sparen.“

Und die Zukunft? Auf jeden Fall will der 32-Jährige in der Pfalz bleiben, fühlt sich in Burrweiler mit seiner Familie längst zu Hause. Und eigentlich wäre auch genügend mit dem Weinbau zu tun, derzeit vermisst er für mehrere Winzer die Weinberge. Marcel Sambale-Lergenmüller hat aber schon neue Pläne, wo seine App noch eingesetzt werden könnte: auf Obstplantagen zum Beispiel und in kommunalen Bauhöfen. Dort könnte man den Einsatz der Geräte und Fahrzeuge über die Cloud laufen lassen, ebenso die Zeiterfassung. Und er ist sich sicher, dass es noch viele andere Einsatzmöglichkeiten gibt für seine Vineyard Cloud. Oder zumindest: für die Idee dahinter. |