Das Vertrauensparadox

Was können wir glauben? Wem sollen wir vertrauen? Woher bekommen wir Informationen? Vertrauen ist in unserer – vermeintlich – immer komplexer werdenden Welt ein ebenso wichtiges wie schwieriges Thema. Risikoforscher Ortwin Renn über lernendes Internet, Selbstüberschätzung und das Problem mit Prozentzahlen.


Er hat mal einen Versuch gemacht. Hat zwei Gruppen Menschen eingeladen: die einen strikte Gegner von Mobilfunk aus Angst vor der Strahlung, die anderen sorglos in Bezug auf Funkwellen. „Wir wollten wissen: Wie kommen diese Menschen zu ihrer Meinung? Auf welche Informationen vertrauen sie?", erklärt Professor Ortwin Renn. „Alle sagten: Wir haben recherchiert, und wir haben Recht.“ Daraufhin ließ Renn Teilnehmer beider Gruppen ihre persönlichen Laptops auspacken und bei Google dieselben Worte eingeben: ‚Gesundheitsgefahr durch Mobilfunk‘. Und was tauchte oben in der Trefferliste auf? „Das war diametral entgegengesetzt. Bei der Anti- Gruppe erschienen sofort Vorschläge wie ‚Gefahr durch Strahlung‘, bei den anderen ‚Entwarnung‘ und ‚keine Gefahr‘.“ Keinem der Teilnehmer war wirklich bewusst gewesen, dass Google lernt und immer mehr von dem anzeigt, was man finden möchte. „Wenn ich fünfmal ‚Die Erde ist flach‘ eingebe und dann ‚Gestalt der Erde‘ googele, bekomme ich als erste Treffer ‚Die Erde ist flach‘. Und irgendwann glaube ich es.“ Unter den Kommunikationsfachleuten wird dies gern als „Echo-Effekt“ bezeichnet: Egal wie abstrus eine Meinung ist, man findet immer Quellen im Netz, die sie unterstützen. Und je öfter man in seiner eigenen Meinung bestätigt wird, desto mehr vertraut man darauf, dass es wahr sein muss.

Prof. Dr. Ortwin Renn

zählt zu den renommiertesten Risikoforschern in Deutschland. Der Volkswirtschaftler und Sozialpsychologe war an Hochschulen in Deutschland, den USA und der Schweiz tätig und Gründungsdirektor des Zentrums für Interdisziplinäre Risiko- und innovationsforschung an der Universität Stuttgart. Seit 2016 ist Renn wissenschaftlicher Direktor am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam.

Prof. Dr. Ortwin Renn zählt zu den bekanntesten Risikoforschern Deutschlands. Eines seiner Bücher trägt den Titel „Das Risikoparadox. Warum wir uns vor dem Falschen fürchten“. Und das bedeutet auch, dass wir immer wieder dem Falschen vertrauen. Warum? Zum einen eben, wenn wir uns oft genug bestätigt fühlen. Zum anderen, wenn uns etwas vertraut erscheint. Und dazu gehören bei den meisten Menschen zuerst die eigenen Fähigkeiten – was zwar grundsätzlich gut ist, oft aber auch zur Überschätzung führt, sagt Ortwin Renn. „Mehr als 70 Prozent der deutschen Autofahrer meinen, dass sie wesentlich besser fahren als der Durchschnitt.“ Ähnlich sei es in anderen Bereichen des täglichen Lebens: „Zu den größten Gefahren unseres Lebens gehören nicht Terroranschläge oder Flugreisen, vor denen viele Menschen Angst haben. Nein, sehr viel mehr Menschen sterben an den Folgen von Rauchen, Trinken, ungesundem Essen und Bewegungsmangel. Jeder weiß, dass das gefährlich ist – und ist zugleich überzeugt: Mich trifft das nicht, ich bin die berühmte Ausnahme. Das Vertrauen in die eigene Unverwundbarkeit ist relativ groß, weil wir uns zu kennen glauben, uns vertraut sind.“

Beim Vertrauen in Unbekanntes dagegen gibt es laut Ortwin Renn drei Reaktionen. Die erste Gruppe – früher gehörten schätzungsweise 80 Prozent der Bevölkerung dazu, heute noch etwa 40 Prozent – vertraut etablierten Einrichtungen: allen voran der Wissenschaft, aber auch Organisationen, großen Fernsehstationen und renommierten Zeitungen. Die zweite Gruppe wird größer, dürfte heute 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung umfassen: „Diese Gruppe vertraut niemandem. Sie unterstellt den Medien ebenso wie den meisten Politikern und Organisationen, dass sie lügen. Diese Menschen verlassen sich nur auf das, was sie – vermeintlich – selbst kontrollieren können. Da kann es zum Beispiel sein, dass jemand aus gesundheitlichen Gründen vehement gegen Gentechnik-Produkte ist, aber viel raucht und Alkohol trinkt.“ Die dritte große Gruppe zeichne sich, so der Wissenschaftler, durch „vagabundierendes Vertrauen“ aus: mal so, mal so. „Das ist oft nicht rational. Ein Gesprächspartner in einer Talkshow hat gut argumentiert, kommt sympathisch an, ihm wird geglaubt. Diese Menschen suchen sich bequeme Wahrheiten, komplexes Wissen ist ihnen weniger wichtig.“

Früher wussten wir vieles einfach nicht, deshalb hat es uns keine Angst gemacht. 

Ortwin Renn
Risikoforscher

 

Wem aber sollen wir heute vertrauen? Wie filtern wir Informationen auf Seriosität? Zunächst einmal, indem wir uns bewusst machen, dass das Internet lernt und uns eine selektierte Auswahl von Ergebnissen präsentiert. „Wir müssen die Tricks kennen, mit denen um Vertrauen geworben wird. Bei Google kann man zum Beispiel den Lernmodus ausschalten, um nicht nur die Informationen zu bekommen, die uns bestätigen.“ Jede Quelle muss kritisch unter die Lupe genommen werden: Woher hat ein Medium seine Information? Ein wichtiges Indiz sind auch die Zahlen, die genannt werden: „Populisten arbeiten oft mit Prozentzahlen. Da wird zum Beispiel gesagt: Die Gefahr, an einer bestimmten Krankheit zu sterben, ist um 100 Prozent gestiegen. Das klingt gewaltig und mag auch stimmen – aber vielleicht ist das Risiko lediglich von 1 : 100.000 auf 2 : 100.000 gestiegen, ist also immer noch verschwindend gering.“

Der kritische Blick auf Welt und Medien ist das eine. Ein nüchterner Blick in Zahlen und Statistiken helfe aber auch, findet der Risikoforscher. Natürlich weiß er von dem Gefühl vieler Menschen, die Welt werde immer unsicherer – Krieg und Klimawandel, Börsencrashs und Krankheiten. Unsere digitale Welt überschüttet uns im Sekundentakt mit Nachrichten aus aller Welt und gibt uns das Gefühl, dass immer mehr Schlimmes passiert. „Das aber liegt vor allem an der hohen Informationsdichte. Früher wussten wir vieles einfach nicht, deshalb hat es uns keine Angst gemacht“, so Ortwin Renn – und erklärt dann kurz und bündig, warum wir hierzulande eigentlich viel mehr Vertrauen haben sollten: „Die Lebenserwartung steigt bei uns ständig, Unfall- und Verbrechensraten sinken kontinuierlich. Tatsächlich lebt die Bevölkerung in Deutschland heute so sicher wie nie zuvor.“ |