»Das Leben lebt vom Vertrauen«

Wem vertraut ein Bischof? Dr. Karl-Heinz Wiesemann, Bischof von Speyer, verrät im Interview, was er über Urvertrauen und Toleranz denkt, welche Rolle Gott dabei spielt – und welches Gleichnis ihm immer wieder Mut macht.


1 Welche Gedanken haben Sie als Erstes beim Thema „Vertrauen“?

Vertrauen ist das größte Kapital, das man im Leben hat. Man empfängt es von den Eltern – und braucht es im Leben immer und überall. Ohne Vertrauen erstirbt das Leben. Das Leben lebt vom Vertrauen.

2 Was bedeutet Vertrauen für Sie persönlich?

Ich habe das grundsätzliche Vertrauen in Gott: Da ist jemand, der mich führt, auch wenn ich es nicht immer verstehe. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich denke: Gott wird schon alles für mich machen. Nein, handeln muss ich selbst – das Vertrauen gibt mir die Kraft, Mut zu haben und die Welt zu verändern. Das gilt im Übrigen auch für andere Beziehungen: Wenn Vertrauen zu einem Ehepartner bedeuten würde, dass der schon alles richten wird, dann funktioniert das nicht. Liebe und Vertrauen bestehen vielmehr darin, dass man gemeinsam durch dick und dünn geht.

3 Wo haben Sie selbst konkret Vertrauen erlebt?

Ich bin glücklich, dass ich in einer Familie aufgewachsen bin, die mich bis heute trägt. Meine Mutter ist im November im Alter von 90 Jahren verstorben, da wird einem erst richtig deutlich, was man im Leben geschenkt bekommen hat. Sie war immer für uns da, hatte immer ein offenes Ohr. Das war ein großes Geschenk im Sinne einer positiven, bejahenden Beziehung mit der Botschaft: Gut, dass du da bist. Ein großes Kapital, für das ich sehr dankbar bin und das mich für mein Leben geprägt hat.

Dr. Karl-Heinz Wiesemann

Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann ist der 96. Bischof von Speyer. Er wurde 1960 in Herford in Ostwestfalen geboren. 1985 empfing der studierte Theologe in Rom die Priesterweihe. 2002 wurde er zum Weihbischof, 2007 dann von Papst Benedikt XVI. zum Bischof von Speyer ernannt. Als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen setzt sich Wiesemann für die Ökumene ein.

4 Es gibt Menschen, die sagen: „Ich vertraue niemandem.“ Geht das überhaupt? Wie wichtig ist es für Menschen, Vertrauen zu haben?

Jeder braucht irgendeine Art des Vertrauens. Wenn man nicht vertrauen kann, dann kann man nicht leben. Wir Menschen sind geistige Wesen, die irgendwo einen Sinn brauchen – und nur wenn ich in etwas oder jemanden vertraue, hat es für mich Sinn, mich überhaupt einzusetzen. Völlig „sinnlos“ im Wortsinne kann man nicht leben.

5 Und was ist, wenn Vertrauen enttäuscht wird?

Enttäuschungserfahrungen gehören zum Leben dazu. Das Wort ist ja eigentlich sehr schön: Es nimmt eine Täuschung von uns und zeigt uns eine neue Wahrheit. Und dieser Wahrheit kann ich wieder vertrauen – denn mit einer Enttäuschung ist ja die grundsätzliche Frage, ob man überhaupt vertrauen kann, nicht negativ beantwortet. An solchen Erfahrungen wachsen wir auch. Wenn Enttäuschungen jemanden allerdings so sehr treffen, dass das in den Rückzug und in die Verbitterung führt, wenn der Mensch das Gefühl hat, er könne niemandem mehr vertrauen, dann benötigt er Hilfe.

6 Sie engagieren sich im ökumenischen Dialog, dabei spielt Toleranz eine wichtige Rolle. Wie hängen Vertrauen und Toleranz für Sie zusammen?

Der Begriff „Toleranz“ kommt aus dem Lateinischen von tolerare und bedeutet so viel wie „aushalten“. Die Qualität einer Beziehung ist immer auch eine Frage der Belastungsfähigkeit: Toleranz bedeutet ja nicht, dass man alles richtig und gut findet, was der andere macht – sondern dass man ihn annimmt, wie er ist, und ihn als Menschen akzeptiert. Das ist auch ein Akt des Vertrauens: der tiefe Glauben, dass das Gute im anderen Menschen wohnt, dass auch er sein Leben in der Wahrheit gestalten will, auch wenn man selbst anderer Meinung ist. Insofern hängen Vertrauen und Toleranz eng zusammen, in persönlichen Beziehungen wie auch in der Ökumene.

Jeder braucht irgendeine Art des Vertrauens. Wenn man nicht vertrauen kann, dann kann man nicht leben. 

Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann
Bischof von Speyer

 

7 Gibt es eine Stelle in der Bibel, die besonders für „Vertrauen“ steht und mit der Sie anderen Menschen Mut machen?

Ich mag das Gleichnis vom verlorenen Sohn sehr. Der Sohn wendet sich vom Vater ab – doch der lässt den Weg zur Rückkehr immer offen, sodass der Sohn am Ende in die Arme des Vaters zurückkehren kann. Darin ist das ganze Spannungsfeld dessen zu finden, was Vertrauen ist: Der Vater lässt den Sohn gehen. Der Sohn erinnert sich auf seinem Tiefpunkt an das Vertrauen, das der Vater ihm geschenkt hat, und findet die Kraft, zurückzukehren. Der Vater nimmt ihn wieder an, was immer auch passiert ist. Auch heute ist es ja so: Es gehört Vertrauen dazu, dass man jemanden – auch wenn es schmerzlich sein kann – gehen lässt, ihm Freiräume gibt. Dieses Vertrauen gibt dem anderen Kraft.

8 Wem vertrauen Sie persönlich?

Mir sind Freundschaften unglaublich wichtig – Freundschaften aus den unterschiedlichen Phasen meines Lebens. Ich habe noch Freunde aus der gemeinsamen Jugendarbeit in der kleinen Gemeinde, in der ich aufgewachsen bin, und Freunde aus der Zeit des Studiums, das war eine ganz prägende Zeit der Suche. Für mich war es immer auch wichtig, dass ich Freunde über den kirchlichen Bereich hinaus habe. Ich habe eine Leidenschaft für die Musik, für das Klavierspielen, ich habe Musiker als Freunde, das bereichert mich sehr. Freunde, denen man sich anvertrauen kann, mit denen man über Sorgen sprechen kann und die alles aus einer ganz anderen Perspektive sehen: Sie sind mir ganz wichtig.

9 Wünschen Sie sich mehr Vertrauen innerhalb unserer Gesellschaft?

Der Begriff „Vertrauen“ hat auch mit Treue zu tun. Entscheidend ist die Nachhaltigkeit in einer Beziehung – gerade in unserer Gesellschaft, in der oft in Lebensabschnitten gedacht wird und man den großen roten Faden manchmal verliert. Vertrauen kann uns helfen, diesen roten Faden, das große Ganze im Blick zu behalten. |