»Besitz ist nicht entscheidend«

Ruhe. Gespräche. Nussschokolade: Es sind die kleinen Dinge, die Pater Andreas Werner aus dem Kloster Maria Laach besonders genießt. Und er versteht sehr gut, was Besucher am Klosterleben so fasziniert.


Manchmal fährt er stundenlang Fahrrad, am liebsten dort, wo sonst niemand ist. Und gerne mitten in der Nacht. „Natürlich mit Licht“, fügt Pater Andreas schmunzelnd hinzu. Das sei für ihn Genuss pur, der „Inbegriff von Meditation“: die Stille, die Bewegung. Zeit für Gedanken, Zeit für sich selbst, kein Stress, kein Lärm. All das, was man ohnehin mit dem Klosterleben assoziieren würde – aber das komme im Alltag auch bei ihm manchmal zu kurz, erzählt der Interims­abt von Maria Laach in der Eifel. Seit er 2016 die Leitung übernommen hat, ist er auch Geschäftsführer, hat 250 Mitarbeite­r­innen und Mitarbeiter und jeden Tag ganz weltliche Dinge zu regeln.

Nun ist es nicht so, dass Pater Andreas grundsätzlich in sich ­gekehrt und weltabgewandt wäre. Nein, der 67-Jährige kommt aus dem Rheinland und spricht auch so. Dass Menschen als Karnevalsflüchtlinge ins Gästehaus von Maria Laach kommen, kann er bis heute nicht so ganz nachvollziehen, „warum muss man davor flüchten?“ Er spricht mit vielen Menschen, macht sich sein Bild, kennt die Welt da draußen. Findet sie oft etwas zu schnell, manchmal oberflächlich, mit zu wenig Ruhe. Dabei urteilt und verurteilt er generell nicht: „Das ist nicht meine Art“, sagt er. „Ich kann nur für mich selbst entscheiden, ob ich etwas mitmache – und da sage ich oft: Nein, muss ich nicht. Ich sehe schöne Dinge in Schaufenstern, schöne Uhren, schönen Schmuck. Es gefällt mir, ich kann das ­genießen, aber besitzen muss ich das nicht. Besitz ist nicht ­entscheidend für Genuss.“

Pater Andreas Werner

geboren 1951, wuchs in Neuss auf. Er studierte einige Semester Archäologie und Kunstgeschichte und dann Theologie. 1975 trat er in die Benediktinerabtei Gerleve im Münsterland ein, 1981 wurde er zum Priester geweiht. 2016 übernahm Pater Andreas vorübergehend die Leitung des Benediktinerklosters Maria Laach in der Eifel.

Gute Gespräche schon. Ein Handy hat Pater Andreas bis heute nicht. Internet und E-Mail schon, aber nur aus ganz pragmatischen Gründen, „ohne geht es ja nicht mehr“. Am liebsten spricht er persönlich mit Menschen: „Wenn ich jemanden ansehen kann, ist das doch etwas ganz anderes. Ich glaube, das sollte man viel öfter machen, das geht heute schnell verloren.“ Er trifft sich gerne mit Freunden, die er schon seit der Schulzeit, seit dem Studium kennt. Und hört dabei einfach nur zu, ohne Ratschläge zu ­erteilen: Andreas Werner hat festgestellt, dass es oft schon hilft, wenn jemand seine eigenen Gedanken in Worte fasst. „Das geht mir ja genauso. Wenn ich Freunden meine Probleme erzähle, dann komme ich dadurch selbst zu Erkenntnissen oder Lösungen. Man muss nicht unbedingt aktiv einen Rat geben. Oft ist die Lösung schon in jedem selbst, muss nur formuliert werden.“

Erkenntnisse, Lösungen, Antworten finden: Dabei kann auch Ruhe helfen. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Menschen gerade aus den Städten ganz bewusst ins Kloster Maria Laach kommen, um abzuschalten und den Alltag hinter sich zu lassen. Das Kloster hat ein Gästehaus, in dem man sich für Tage oder Wochen einmieten kann. Wer will, kann am klar vorgegebenen Tagesablauf der Patres teilnehmen: aufstehen morgens um halb sechs, drei Mahlzeiten, ­mehrere feste Gebete, viele gehen schon um 21 Uhr ins Bett. „Das ist für viele Besucher ein Rückzug aus der schnelllebigen Welt, in der sie sich manchmal überfordert fühlen“, sagt der Abt. Das strukturierte Leben im Kloster mache eine Rückbesinnung auf sich selbst ­möglich, ohne Leistungsdruck. Zumindest meistens, fügt er hinzu: „Manche Menschen kommen auch hierher, wenn sie ihre Promotionsarbeit schreiben müssen, konzentriert arbeiten wollen und es sonst nicht schaffen.“

Der Pater selbst kann diese Sehnsucht nach Ruhe, nach Konzen­tration auf die wirklich wichtigen Dinge sehr gut verstehen – er kennt dieses Gefühl auch von sich selbst. Die vergangenen Jahre waren fordernd für ihn, er hat das Kloster in schwierigen Zeiten übernommen. „Natürlich haben wir im Tagesablauf Zeiten für Gebete. Aber wirklich zur Ruhe kommen, mit Gott sprechen, in der Bibel lesen und darüber intensiv nachdenken: Dazu komme ich viel zu selten.“ Das ist wohl auch ein Grund, warum er sich für einen neuen Schritt in seinem Leben entschieden hat: Er wird die Leitungsaufgaben in Maria Laach abgeben, eine Auszeit in einem Kloster in Österreich nehmen und dann zurückkehren in sein Heimatkloster Gerleve bei Coesfeld im Münsterland. Was er am meisten genießen wird? „Die Bibel immer wieder neu zu entdecken. Und Musik zu hören, am liebsten Blues. Manchmal Nussschokolade zu essen. Und Fahrrad zu fahren.“ Gerne im Dunkeln, ganz allein. Mit einem kleinen Licht, das ihm den Weg weist. |